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Promotionsvorhaben


Jenny Price, M.A.

Der Demokratisierungsprozess in Ostdeutschland 1989-1994

Am 18. März 1990 fanden sowohl zum ersten wie auch zum letzten Mal in der Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik geheime, freie Wahlen statt. Die Bürger der DDR stimmten zum Großteil für die Allianz für Deutschland und somit auch für einen schnellen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik. Innerhalb des folgenden Jahres wandelte sich das politische System im Osten somit von einer realsozialistischen Parteiendiktatur in eine föderale parlamentarische Demokratie. Das Forschungsvorhaben untersucht die Geschichte des politischen und sozialen Wandels in der DDR auf lokaler Ebene. Es stellt die Frage, wie sich Wähler, Aktivisten und Politiker dem neuen System angepasst haben, beziehungsweise, inwieweit der Demokratisierungsprozess von ihnen auch selbst mitgestaltet werden konnte. Wie wurden anhand der neuen Strukturen und trotz der vielen Umwälzungen im Lande eigene Pläne und Wünsche verwirklicht? Welche Rolle spielten Kontakte zu westdeutschen Akteuren und wie verliefen diese Beziehungen auf lokaler Ebene? Indem hinterfragt wird, inwieweit soziale, kulturelle und wirtschaftliche Bedingungen politische Ergebnisse bestimmen, soll diese Forschungsarbeit sowohl einen Beitrag zur Zeitgeschichte Deutschlands leisten wie auch aktuelle Fragen der Politikwissenschaft ansprechen. Es bietet der reichhaltigen Literatur zu Demokratisierungsprozessen in der Politikwissenschaft eine wichtige mikrohistorische Fallstudie davon, wie sich politische Akteure auf lokaler Ebene den durch die Wiedervereinigung verursachten sozialen und politischen Veränderungen stellten.

Der erste Teil konzentriert sich auf die Bildung politischer Parteien in der DDR von 1989 bis zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. Es wird untersucht, wie Bürgerrechtler ihre politischen Ideale zum Ausdruck brachten und diese dann in politische Programme umsetzten. Der zweite Teil bezieht sich auf den Zeitraum Ende 1990 bis 1994 und schließt somit die ersten zwei Bundeswahlen des vereinten Deutschlands wie auch die ersten zwei Landtags- und Kommunalwahlen in der Untersuchung mit ein. Methodologische Ansatzpunkte sind die Alltags- und Mikrogeschichte. Im Fokus dieser Arbeit stehen daher zwei mittelgroße Städte und zwei Bezirkshauptstädte; Eisenach und Erfurt in Thüringen, und Halle und Naumburg in Sachsen-Anhalt. Die Forschungsarbeit beruht auf Archivmaterial wie Flugblätter, Protokolle, Reden, Fotografien und Plakate aus der Zeit 1989/1990, sowie Pressemittelungen und Unterlagen aus den Parteienarchiven. Zusätzlich sollen die Erfahrungen und Beweggründe politischer Akteure durch Zeitzeugengespräche ergänzt werden.

In den letzten zwanzig Jahren ist schon viel zur Geschichte der Bundesrepublik und der DDR geschrieben worden, allerdings bleibt die Wiedervereinigung von Historikern noch weitgehend zu erforschen. Die Debatten der 90er Jahre konzentrierten sich hauptsächlich auf die Defizite der Wiedervereinigung, dabei ist es bemerkenswert, dass zwei sehr unterschiedliche Teile Deutschlands trotz einer langen Trennung friedlich zusammengeführt werden konnten. Obwohl dieser historische Prozess erst ein Vierteljahrhundert zurückliegt, wird die Einzigartigkeit des Zeitfensters deutlich. Dieses Forschungsprojekt dient dazu, aus dem Blickwinkel der Alltagsgeschichte neue Einsichten in diesen besonderen historischen Prozess zu gewinnen.