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Promotionsvorhaben


Manja Finnberg

"Oder wer immer ich auch bin...". Die Familie Seydewitz 1919-1989. Eine Familien(auto-)biographie

Max Seydewitz (1892-1987), Journalist und Reichstagsabgeordneter in der Weimarer Republik, gehörte als Repräsentant der SPD-Parteilinken zu den schärfsten Kritikern der sozialdemokratischen Tolerierungspolitik. Nach seinem Parteiausschluss 1931 war er einer der Mitbegründer der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD). Sein Lebensweg ebenso wie der seiner beiden Ehefrauen Erna Hilbert und Ruth Lewy sowie seiner vier Kinder bewegten sich zwischen Einflussnahme und Beeinflussung: Als politisch Verfolgter unter dem Nationalsozialismus war er zur Emigration in die Tschechoslowakei, die Sowjetunion und nach Skandinavien gezwungen. Seine illegale politisch-publizistische Tätigkeit während dieser Zeit wurde durch mehrfache Internierungen unterbrochen. Zwei seiner Söhne wurden in Folge der Stalinschen Säuberungen zwischen 1936 und 1938 zu einer zehnjährigen GULag-Haft verurteilt. Nach der Repatriierung agierte Max Seydewitz in der SBZ/DDR als Ministerpräsident von Sachsen (1947-1952) in großer Nähe zum parteistaatlichen Machtapparat, bis er selbst der stalinistischen Repression zum Opfer fiel. Verwandte, die in der DDR in kulturpolitische oder juristische Spitzenfunktionen aufgestiegen waren, mussten über die in der Sowjetunion erlittene Verfolgung der Familie schweigen.
Ausgehend von umfangreichem Quellenmaterial und den Nachlässen werden die Lebenswege aller sieben Mitglieder der Familie Seydewitz von einer Nachfahrin rekonstruiert. Auf der Basis der teils veröffentlichten autobiographischen Texte soll nach dem individuellen Umgang mit der eigenen Vergangenheit insbesondere mit der doppelten Diktaturerfahrung, im Spannungsfeld zwischen individueller Erinnerung und öffentlicher Gedächtnismacht in der DDR gefragt werden.