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Promotionsvorhaben


Sophia Dafinger, M.A.

Experten der Gewalt. Wissenschaftliche Expertise für Krieg und Kriegsbewältigung nach 1945

Die "Experten der Gewalt": Das sind nicht Politiker und Militärs, sondern vielmehr Sozial- und Humanwissenschaftler, die ihr spezifisches Wissen gezielt für die Planung und Legitimierung von gewaltsamen Auseinandersetzungen und Krieg verwenden. Von der Forschung zum "Kalten Krieg" wurden sie neben ihren natur- und ingenieurwissen-
schaftlichen Pendants lange übersehen. Dennoch sind gerade sie diejenigen, die die sich wandelnden kriegerischen Konflikte des vergangenen Jahrhunderts vor- und nachbereitet und dabei entscheidend beeinflusst haben. Das Dissertationsprojekt richtet deshalb den Fokus auf die Rolle sozial- und humanwissenschaftlicher Experten in der Kriegsplanung und Kriegsbewältigung von 1945 bis in die 1990er Jahre hinein. Dabei konzentriert es sich auf die USA als der stärksten militärischen Macht im 20. Jahrhundert.

Methodische Grundlage der Überlegungen ist die von Nico Stehr geprägte und von Margit Szöllösi-Janze für die Geschichtswissenschaft fruchtbar gemachte Interpretation des Experten als "Mittler", die insbesondere auf deren Umgang mit Wissen als sozialem Machtfaktor in modernen Gesellschaften abzielt. Denn die Evaluation und Planung von kriegerischer Gewalt ist Ausdruck der "Verwissenschaftlichung des Sozialen" (Lutz Raphael) im 20. Jahrhundert. Mit dem Glauben an die Möglichkeit der gesellschaftlichen Disziplinierung durch spezifisches Wissen verband sich ebenso die Vorstellung eines effektiv geführten Krieges, der dem Gegner entscheidenden Schaden zufügen, die eigenen Soldaten sowie die Bevölkerung jedoch möglichst wenig gefährden sollte. Das Wissen über die Effekte des zu diesem Zweck stark ausgeweiteten Luftkrieges fehlte jedoch weitgehend. Evaluationen der Gewalt wie das 1944 begonnene "United States Strategic Bombing Survey" sind daher militärisch hoch relevant, erheben sie doch den Anspruch, aus den Lektionen des vergangenen Krieges Lehren zu ziehen und damit die Effizienz eines kommenden Krieges mithilfe wissenschaftlicher Expertise zu steigern. Think Tanks wie die in direkter Kooperation mit der Air Force 1948 gegründete RAND Corporation besaßen von Beginn an eine sozialwissenschaftliche Abteilung, deren Aufgabe es war, den "menschlichen Faktor" des Krieges zu beleuchten. Nicht nur für die eigene Truppe waren Fragen nach Bedingungen für Zusammenhalt und Moral offen, auch das Verhalten des Gegners sollte mit exakten, übertragbaren und nachprüfbaren Methoden berechenbar werden.

Mit der Formel der "lessons learned" beschworen die "Experten der Gewalt" deshalb gerne ihre Aufgabe. Man könne mit wissenschaftlichen Methoden den Krieg berechenbar machen, so lautete die Botschaft. Diese Formel soll anhand ausgewählter Beispiele historisiert werden: Wer definierte, welche Lehren gezogen werden sollten? Welche Denkstile lagen der Arbeit der Experten zugrunde? Wie legitimierten ihre Analysen und Berechnungen den Einsatz von Gewalt? Welche Beobachtungen ließen sich institutionalisieren, welches Wissen wurde dagegen vergessen? Das Projekt steht somit an der Schnittstelle von Wissenschaftsgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Militärgeschichte und Geschichte der internationalen Beziehungen.