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Promotionsvorhaben


Stefan Lochner

Das "Gruppenexperiment" (1950/1951) und die "Heimkehrerstudie" (1956/1957) des Instituts für Sozialforschung. Zur Mentalitätsgeschichte der frühen Bundesrepublik

Im "Gruppenexperiment" führte das Institut für Sozialforschung kurz nach seiner Neugründung in Frankfurt am Main mit etwa 1800 Personen 1950/51 in der gesamten Bundesrepublik 136 Gruppendiskussionen durch, unter anderem mit ehemaligen Offizieren, Vertriebenen, Jugendgruppen, Gewerkschaftsangehörigen, Bauern und Arbeitslosen. Im Kontext der "Heimkehrerstudie" wurden sechs Jahre später 40 Gruppendiskussionen mit etwa 400 ehemaligen Kriegsgefangenen, die zwischen 1945 und 1956 in die Bundesrepublik zurückgekehrt waren, durchgeführt. Das Gruppendiskussionsverfahren basiert auf der Nachbildung realer Kommunikationsbedingungen und geht von der Idee aus, dass das Soziale für die Genese von Meinungen und Einstellungen entscheidende Bedeutung hat. Ziel war es, die öffentliche Meinung unterschiedlicher sozialer Gruppen und Schichten zu vergangenheits- und gegenwartbezogenen Themen zu erforschen. Während die Ergebnisse des "Gruppenexperiments" 1955 als vorläufiger Studienbericht publiziert wurden, blieben die Resultate der "Heimkehrerstudie" unveröffentlicht, weil der Verband der Heimkehrer (VdH) dagegen interveniert hatte.
Ziel des Promotionsvorhabens ist die qualitativ-interpretative Re-Analyse aus mentalitätsgeschichtlicher Perspektive des in den beiden empirischen Groß-Studien erhobenen Datenmaterials. Anhand der Diskussionstranskriptionen werden dominierende kollektive beziehungsweise milieu- und gruppenspezifische Dispositionen, Einstellungen und Deutungsmuster zu den Komplexen Nationalsozialismus, Besatzungszeit und westdeutsche Geschichte rekonstruiert. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach dem Nachwirken nationalsozialistischer Ideologie, nach der Tradierung antisemitischer Stereotypen, der Identifizierung von Verdrängungsmechanismen und Abwehrstrategien mit Blick auf die Schuldfrage und nach Einstellungen zur alliierten Besatzungspolitik und zu Themen wie Remilitarisierung und Kalter Krieg.