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Promotionsvorhaben


Martin Kiechle

Die Jenaer Psychiatrie in der DDR-Zeit

Die Geschichte der Psychiatrie im 20. Jahrhundert kann mittlerweile - besonders für die Zeit der Weimarer Republik bis zum Ende des "Dritten Reiches" - als gut erforscht gelten: Maßgeblich angestoßen durch gesellschafts- und psychiatriepolitisch engagierte "Einzelkämpfer", wie Klaus Dörner, Ernst Klee und Götz Aly, setzte sich die Zeitgeschichtsforschung seit Ende der 1980er Jahre intensiv mit diesem Thema auseinander. Dabei gerieten zunächst vor allem die "Euthanasie"-Morde, die Sterilisationspolitik des NS-Staates und die Entwicklung von Eugenik und Rassenhygiene in den Fokus der Wissenschaft. Weitaus schlechter erforscht ist hingegen die Nachkriegspsychiatrie. Besonders die Psychiatrie in der ehemaligen DDR wurde bisher kaum untersucht.

Diese Forschungslücke zu schließen, ist Ziel des Promotionsvorhabens über die Jenaer Psychiatrie in der DDR-Zeit. Dabei geht es jedoch keinesfalls um eine reine Lokal- oder Institutionengeschichte, im Gegenteil: Psychiatrie muss immer im Kontext ihrer gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen betrachtet werden. Nicht die Medizin alleine definiert, wer psychisch krank und wer geistig gesund ist. Das gilt auch für die Jahre nach 1945, insbesondere für die Zeit der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der ehemaligen DDR, für die die Jenaer Psychiatrie als ein Beispielfall untersucht werden soll. Wer wurde als krank, wer als gesund diagnostiziert? Warum wurde eine psychische Erkrankung angenommen? Wie sah die Behandlung aus? Welche Akteure wirkten hinsichtlich der psychiatrischen Versorgung zusammen: Arbeitsämter, Gesundheitsämter, städtische Institutionen, die Staatsicherheit?

Daneben werden auch innerwissenschaftliche Entwicklungslinien betrachtet. Wie wurden psychische Erkrankungen, ihre Ursachen, ihre Verläufe, ihre Therapiemöglichkeiten medizinisch erklärt? Wie und warum wandelte sich die wissenschaftliche Perspektive? Wie positionierte sich die Jenaer Psychiatrie innerhalb dieses wissenschaftlichen Feldes? Und welche Auswirkungen hatten die Fachdiskussionen auf die Behandlung der Patienten?

Das Dissertationsvorhaben ist Teil des Forschungsprojektes zur Jenaer Psychiatrie im 20. Jahrhundert, das seit Dezember 2013 durch die Ernst-Abbe-Stiftung gefördert wird.