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Promotionsvorhaben


David de Kleijn

Das Pferd im "Nachpferdezeitalter". Zur kulturellen Neusemantisierung einer Mensch-Tier-Beziehung nach 1945

Infolge des nach 1945 fortschreitenden Prozesses der Mechanisierung von Landwirtschaft und Militärtechnik sowie der damit verbundenen ökonomisch-funktionellen Obsoleszenz des Reitens und Fahrens als Kulturtechniken lässt sich ein graduelles Verschwinden des Pferdes aus dem öffentlichen Raum und der alltäglichen Lebenswelt konstatieren, worin Reinhart Koselleck "das Ende des Pferdezeitalters" erkannte. Dennoch erhielt das Pferd im Zuge der Ausdifferenzierung des Mensch-Tier-Verhältnisses im 20. Jahrhundert neue kulturelle Semantisierungen, die seit den 1970er Jahren zu einem stetigen Wiederanstieg der Bestandszahlen geführt haben und ihm als Freizeit- und Sporttier wieder zu einem Rückgewinn an wirtschaftlicher und kultureller Relevanz verhalfen.

Trotz der Regression primärsozialer Mensch-Pferd-Begegnungen lässt sich durch seine hohe mediale Präsenz eine Zunahme objektivierter Repräsentationen und Inszenierungen des Pferdes feststellen, etwa im Rahmen romantisierter Darstellungen ländlicher Idylle oder als historisierender Faktor in ritualisierten Kontexten. Daneben ist parallel zur Konsolidierung der Heimtierhaltung auch in Bezug auf das Mensch-Pferd-Verhältnis eine massive Ausweitung des Stellenwerts emotionaler Kategorien und damit auch einer bedürfnisorientierten Haltung zu konstatieren. Die damit verbundene approximative "Anthropomorphisierung" des tierlichen Gegenübers lässt sich als indirekter Verweis auf die kulturelle Ausformung zeitgenössischer "Menschenbilder, Personen- oder Subjektkonzepte" (Rainer Wiedenmann) begreifen. Die Entwicklung eines zunehmend du-evidenten Zugangs zum Pferd korreliert zudem mit einer Transformation des Reitsports von einem ausschließlich männlich hin zu einem inzwischen stark weiblich besetzten Betätigungsfeld, weshalb auch die Frage nach einer etwaigen emanzipatorischen Dimension des Reitens von Interesse ist.

Innerhalb des Dissertationsprojekts werden anhand des sich um das Pferd und den Reitsport nach 1945 formierenden kommunikativen Systems Kontinuitäten, Zäsuren, Zusammenhänge und Widersprüche zwischen den alltäglich-lebensweltlichen und den mediatisierten, sekundärsozialen Relationen zwischen Mensch und Pferd analysiert. Dabei stehen sowohl der innerdeutsche Vergleich, etwa in Bezug auf die dem Pferd innerhalb der unterschiedlichen politischen Systeme in DDR und Bundesrepublik attestierten symbolischen Funktionalisierungen, als auch eine Untersuchung der Genese einer Medien-, Sport- und Freizeitindustrie rund um das Pferd und die Frage nach einem Zusammenhang mit einer prozessualen kulturellen Amerikanisierung im Fokus.