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Promotionsvorhaben


Nicole Petrick-Felber

"Zweckgebundener" Genuss? Die Konsumgeschichte des Tabaks und Kaffees im Nationalsozialismus

Die historische Bewertung der Konsumpolitik des NS-Regimes im Licht der deutschen Rüstungsbemühungen fällt so unterschiedlich aus, dass sich dies in diametralen Standpunkten in der Wissenschaft ausdrückt. So wird der NS-Staat einerseits als "Tyrannei des Mangels" beschrieben, in der eine "Kanonen statt Butter" produzierende Volkswirtschaft von der Bevölkerung Verzicht unter dem Primat der Rüstungspolitik abverlangte. Andererseits wird dieser dagegen als "Gefälligkeitsdiktatur" charakterisiert, dessen "Kanonen und Butter" produzierende Volkswirtschaft bisweilen gar als Wegbereiter für die westdeutsche Konsumgesellschaft der fünfziger Jahre gesehen wird. Diese so stark divergierende Auslegung mag zu einem gewissen Grad auf die jeweilige Herangehensweise zurückzuführen sein, je nachdem, ob die Konsumausgaben absolut oder relativ zu den Staatsausgaben und Investitionen betrachtet, ob das Bezugsjahr 1928 oder 1932 gewählt, ob Absicht oder Ergebnis beurteilt werden, aber auch - und nicht zuletzt - welche Konsumgüter im Mittelpunkt der Untersuchung stehen.
Das Dissertationsprojekt untersucht am Beispiel der Genussmittel Tabak und Kaffee das Verhältnis von staatlicher Verbrauchslenkung und Konsumverhalten im NS-Staat. Als stets regulierte und besteuerte Sekundärgüter, in denen also mindestens wirtschafts- und finanzpolitische Interessen mit den Präferenzen der Konsumenten zusammentrafen, eignen sich die Genussmittel besonders für die Analyse der Beziehungen zwischen politischen Akteuren und Konsumenten, auch unter Berücksichtigung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Dabei werden die Motive und Maßnahmen der nationalsozialistischen Konsumpolitik ebenso untersucht wie ihre Auswirkungen auf das Konsumniveau. Gefragt wird zudem nach den Erfahrungen der Bevölkerung im Umgang mit den resultierenden Konsummöglichkeiten sowie ihren diesbezüglichen Sehnsüchten und Erwartungen.