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Promotionsvorhaben


Rüdiger Haufe

Das "grüne Herz Deutschlands". Thüringen-Bilder im Spannungsfeld regionaler und nationaler Sinnstiftungskonzepte im 19. und
20. Jahrhundert

Die populäre Selbst- wie Fremdwahrnehmung Thüringens als das "grüne Herz Deutschlands" lässt sich zumindest anhand statistischer Fakten kaum begründen: Nur fünf Prozent des "deutschen Waldes" stehen in Thüringen, und mit 32 Prozent Waldanteil an seiner Gesamtfläche liegt der Freistaat im Vergleich der Bundesländer allenfalls im Mittelfeld. Zugleich ist die Region eines der am stärksten von Waldschäden betroffenen Gebiete Deutschlands. Die Karriere der Metapher vom "grünen Herzen" basiert bis heute zwar auf den objektivierbaren natur- und kulturräumlichen Gegebenheiten der durch sie bezeichneten Region, mehr noch aber auf einer interessengeleiteten und selektiven Wahrnehmung und Bewertung. Die Geschichte dieser Wahrnehmung Thüringens in ihren Wandlungen und Kontinuitäten ist das Thema der Dissertation. Die Längsschnittstudie reicht von den 1830er Jahren, als die Herz-Metapher im Zuge der Entstehung des modernen deutschen Nationalismus wie des thüringischen Regionalismus, aber auch einer sich verändernden Landschaftswahrnehmung und eines neuen, bürgerlichen Reiseverhaltens erstmals formuliert wurde, bis in die Gegenwart. Das Interesse gilt einerseits dem raumimmanenten Prozess des "region making", in dem soziale Akteure raumbezogene Deutungen als Identifikationsangebote für die regionale Bevölkerung zur Verfügung stellten. Ebenso aber wird nach der Wechselbeziehung zwischen Vorstellungen regionaler und nationaler Identität gefragt, die sich in diesen Bedeutungszuweisungen manifestierte, wenn hier der Region die besondere nationale Relevanz eines "grünen Herzens" zuerkannt wurde.