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Besatzungskinder
Zur Sozial-, Diskurs- und Biographiegeschichte einer in beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften beschwiegenen Gruppe

Bearbeiter
Prof. Dr. Rainer Gries, Prof. Dr. Silke Satjukow

Projektleiter
Prof. em. Dr. Lutz Niethammer

Förderung
Fritz Thyssen Stiftung

Kurzbeschreibung
Im Frühjahr 1945 marschierten die Truppen der Alliierten in Deutschland ein. Neun Monate später kamen die ersten "Besatzungskinder" zur Welt. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass im ersten Nachkriegsjahrzehnt etwa 200.000 Kinder geboren wurden, deren Väter Besatzungssoldaten waren; nur in den seltensten Fällen erkannten diese ihre Vaterschaft amtlich an.

Die "Besatzungskinder" trugen ein doppeltes Stigma: Sie waren von unehelicher Geburt und Kinder einer Beziehung mit dem "Feind". Ihr soziales Umfeld grenzte sie nicht selten aus, verhöhnte sie und misshandelte sie zuweilen auch körperlich. Bei vielen "Besatzungskindern" machten sich die Folgen solcher individualpsychischer und psychosozialer Erfahrungen erst nach Jahrzehnten bemerkbar. Heute, mehr als sechzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, beginnen sich nicht wenige Betroffene in öffentlichen und semiöffentlichen Foren zu artikulieren. Die Gründe für diese sich mehrenden Wortmeldungen und Suchbewegungen liegen im hohen Alter der Mütter und Väter, aber auch im Alter der "Besatzungskinder": Die Eltern, so sie nicht bereits gestorben sind, stehen im Greisenalter. In diesen Jahren enden daher die letzten Möglichkeiten, sich im Gespräch mit ihnen der eigenen Herkunft zu versichern. Die "Besatzungskinder" selbst stehen am Beginn des Rentenalters. Damit drängen Erinnerungen aus der Kindheit und Jugendzeit wieder stärker heran, und die sich abzeichnenden Grenzen der Lebenszeit fordern dazu auf, sich den problematischen Punkten der eigenen Biographie auf neue Weise zu stellen.

Das Forschungsprojekt macht sich die Sozial-, Diskurs- und Biographiegeschichte der bis in die Gegenwart hinein vielfach beschwiegenen "Besatzungskinder" zur Aufgabe. Anhand unterschiedlichster Quellen sollen ihre die Sozialisations- und Lebensbedingungen in beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften analysiert und beschrieben werden.