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Die Wunschkindpille in der DDR
Empfängnisverhütung - Familienplanung - Geschlechterbeziehungen


Bearbeiter
Dr. Annette Leo, Dr. Kathrin Pöge-Alder, Christian König

Projektleiter
Prof. (em.) Dr. Lutz Niethammer, Prof. Dr. Silke Satjukow

Förderung
Deutsche Forschungsgemeinschaft

Kurzbeschreibung
Die Markteinführung der Antibaby-Pille zu Beginn der sechziger Jahre in der Bundesrepublik und ihre kulturellen und sozialen Konsequenzen sind bereits seit einigen Jahren Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Sie lassen sich als epochaler Wandel in der Geschichte der Sexualität beschreiben. Von der Forschung beinahe unbeachtet blieb jedoch die Parallel-Entwicklung in der DDR. Hier produzierte VEB Jenapharm seit 1965 die "Wunschkind-Pille". Unsere Forschungen schließen diese Lücke.

Das Projekt wird die spezifischen gesellschaftlichen Konstellationen untersuchen, die in der DDR als erstem Ostblockstaat die Entscheidung für eine hormonelle Empfängnisverhütung ermöglichten. Die Pille gilt dabei als ein Produkt, an dessen Einführung, Verbreitung und Gebrauch zahlreiche politische und gesellschaftliche Akteure beteiligt waren: Neben den Entscheidungsgremien in der SED-Führung und in den Fachministerien waren das die pharmazeutische Forschung und Industrie, Gesundheitsbehörden wie etwa die Sexual- und Familienberatungsstellen und die Frauenärzte sowie Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche. Sie interagierten und kommunizierten unter den spezifischen Bedingungen der staatssozialistischen Diktatur und der stummen Anwesenheit des Westens auf unterschiedlichen Ebenen und mit unterschiedlichen Intentionen miteinander.

Im Zentrum unserer Untersuchung stehen die Frauen und ihre Sexualpartner als Subjekte und Objekte der "Wunschkindpille". Quellen sind daher vor allem lebensgeschichtliche Interviews mit den weiblichen Pillen-Konsumentinnen, aber auch mit den männlichen indirekten Nutzern der Pille sowie schriftliche Überlieferungen der Entscheidungsträger und Fachleute. Sie versprechen maßgebliche Erkenntnisse über die besondere Ausprägung der ostdeutschen Geschlechter-Ordnung. Sie geben auch Auskunft über die "eigensinnigen" Praktiken der Subjekte, die in den bevölkerungspolitischen Planungs- und Kontrollvorstellungen des Staates nicht aufgingen. Die Untersuchung soll der Frage nachgehen, inwieweit und warum das ansonsten starre soziale Gefüge der DDR sich gerade auf diesem Gebiet als "modern" erwies.
Damit entstehen Einsichten in die Ambivalenzen der Gesellschafts- und Erfahrungsgeschichte der DDR, jenseits von polarisierenden Gegenüberstellungen politischer Repressions- und scheinbar unpolitischer Alltagsgeschichte.