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Luftkrieg
Erinnerungen in Deutschland und Europa

Herausgegeben von Jörg Arnold, Dietmar Süß und Malte Thießen
Beiträge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts, Bd. 10
Wallstein Verlag Göttingen
erschienen September 2009

Luftkrieg

Auferstehung aus der Asche
Wie die Europäer sich an den Bombenkrieg erinnern

Von Jörg Später

Wenn zwei das Gleiche tun, ist es bekanntlich noch lange nicht dasselbe. Vom Herbst 1940 bis zum Frühjahr 1941 bombardierte die deutsche Luftwaffe London, im November 1941 traf der "Blitz" die mittelenglische Industriestadt Coventry und legte sie in Schutt und Asche. In der Nacht vom 14. auf den 15. November kamen 550 Menschen ums Leben. Fortan sprach man von "coventrieren". Der Luftkrieg begann und eskalierte. In Großbritannien verloren 66 400 Menschen bei Bombenangriffen das Leben. Gegen Ende des Krieges traf es Dresden. In vier Angriffswellen zwischen dem 13. und dem 15. Februar 1945 wurden große Teile der Innenstadt sowie die industrielle und militärische Infrastruktur zerstört, 18 000 bis 25 000 Menschen starben.

In Großbritannien spielt der Luftkrieg in der Erinnerung an den Weltkrieg eine große Rolle. Churchills Rhetorik von Blut, Schweiß und Tränen, die Beschwörung von Stärke angesichts der eigenen Schwäche, gilt bis heute als eine Sternstunde der britischen Geschichte. Vor einigen Jahren nahm ein Bierbrauer das Foto, auf dem Churchill zwei Finger zum V(ictory)-Zeichen spreizt, und ließ den Premierminister in einer Sprechblase eine Bestellung abgeben: "Two more pints please." Die Bottle-of-Britain-Kampagne war ähnlich erfolgreich wie die Battle-of-Britain-Kampagne während des Krieges. Als Ryanair den Trick mit Churchill noch einmal versuchte, dieses Mal nach den Londoner Terroranschlägen 2005 mit dem Motto "London schlägt zurück", fand das kaum einer lustig.

Die Offensivphase der Royal Air Force taugt auf der Insel nicht zu Heldengeschichten. Das Bomber Command ist nicht über jeden Zweifel erhaben. Auch Ryanair musste also lernen, dass es nicht dasselbe ist, wenn zwei das Gleiche tun.

In Deutschland ist seit 1995 wieder voller Engagement an den Bombenkrieg gegen deutsche Städte erinnert worden. Wieder - denn die nationalsozialistische Propaganda hatte in den Nachkriegsjahren fortgewirkt. Erst in den siebziger Jahren setzte eine Zwischenphase ein, in der so manche Legende über den "Terrorbombenkrieg der Angloamerikaner" und den "Massenmord" kritisiert wurde und die Vernichtung der Juden in den Vordergrund des Interesses rückte. Als Jörg Friedrich 2002 "Der Brand" veröffentlichte, brach er keineswegs ein "Tabu" - das Buch verletzte lediglich Geschmacksgrenzen, weil der Autor den Horror der Bombardierungen sprachlich mit dem Holocaust gleichstellte. Jedenfalls hat der Luftkrieg auch in Deutschland die Gemüter anhaltend beschäftigt: Ängste, Aggressionen und andere Gefühle brachen sich immer wieder Bahn. Manche Leute schlossen sich der Friedensbewegung an, andere redeten wie Nazis.

"Bottle-of-Britain"-Kampagne

Der Luftkrieg tobte nicht nur über Deutschland und Großbritannien. Belgrad, Lidice, Rotterdam, Sarajewo, Stalingrad und Warschau waren ebenfalls betroffen. Der Luftkrieg war ein europäisches Phänomen. Kann es deshalb auch eine europäische Erinnerung daran geben? Das fragen Jörg Arnold, Dietmar Süß und Malte Thießen in einem Sammelband über die Nachgeschichte des Luftkrieges, der neben lokalen Fällen wie Pforzheim oder Magdeburg auch untersucht, wie einzelne Länder sich daran erinnern. In diesen Erinnerungsgeschichten von "Tod, Zerstörung, Wiederaufbau" werden unterschiedliche Räume und Zusammenhänge beleuchtet. Der Luftkrieg geht eben die verschiedensten Gedächtniskulturen an. Deren Hintergrund wurde in den neunziger Jahren wieder einmal neu geprägt, unter anderem durch die "Entdeckung" und mediale Abschöpfung des "Zeitzeugen".

Eine gesamteuropäische Erinnerung an den Luftkrieg halten die Herausgeber letztendlich für unmöglich - obwohl es durchaus einen gemeinsamen Fundus an Deutungsmustern gibt, so etwa die Ideen von "Neugeburt" und "Auferstehung". Aber jede Deutung ist in spezifische nationale, politische und generationelle Konstellationen eingebunden, die denselben Aussagen unterschiedliche Bedeutungen verleihen können: "Sinnvoller als die Suche nach einer europäischen Erinnerung an den Luftkrieg ist es folglich, die Suchbewegung selber zu thematisieren und auf ihre Ausformungen, Träger und Funktionen hin zu befragen."

Stets geht es darum, wer, wann, wie und mit welcher Absicht über den Bombenkrieg spricht. Wer will zu welchem Zeitpunkt, an welchem Ort und warum Opfer sein? Selbst ein Satz wie "Don't mention the War" kann, wie der englische Schauspieler John Cleese einmal eindrucksvoll demonstriert hat, Bände sprechen. In jedem Fall aber gilt: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe.

Süddeutsche Zeitung, 26. Mai 2010