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Franziska Augstein

Der schlechte Vater
Eine Tagung über die Bedeutung Alexander Mitscherlichs

Alexander Mitscherlich war genial, wenn es galt, einen einprägsamen Titel zu finden. Das zeigte sich schon bei seiner Habilitation, einer neurologischen Studie über Alkoholismus, der er 1946 den Namen gab: "Vom Ursprung der Sucht". Nach seiner Hinwendung zur Psychoanalyse erfand er Titel wie "Die Unwirtlichkeit unserer Städte", "Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft" und "Die Unfähigkeit zu trauern". Auf einer Tagung des "Jena Center", das sich mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts beschäftigt, wurde Mitscherlichs journalistischer Elan herausgestrichen. Anlass der Tagung war nicht bloß Mitscherlichs 100. Geburtstag am kommenden 20. September, sondern auch der Umstand, dass zwei junge Historiker 2007 gut recherchierte Bücher über ihn publizierten.

Das eine stammt von Tobias Freimüller und befasst sich vor allem mit Mitscherlichs Einfluss auf die öffentliche Debatte in der Bundesrepublik. Das andere schrieb Martin Dehli, der heute als Unternehmensberater arbeitet. Schon das Manuskript seiner Doktorarbeit erweckte Anstoß: Jürgen Habermas bekam es zu lesen und fand, der Autor werde dem "Lernprozess", den Mitscherlich durchmachte, nicht gerecht. Mitscherlich habe nie ein Hehl daraus gemacht, sagt Habermas im Gespräch mit der SZ, dass er in den zwanziger Jahren aus falsch verstandenen Dekadenzideen gegen die Republik von Weimar gewesen sei; ungerecht sei es, ihm zu unterstellen, er gehöre zu denen, die ihre Biographie nach 1945 geschönt haben. Eine Kopie seines Briefs an den Autor, sagt Habermas, habe er an Margarete Mitscherlich geschickt, begleitet von dem Rat, sie möge nichts gegen das Buch unternehmen. Das scheint sie dann doch getan zu haben: Dehlis Buch erschien nicht, wie geplant, beim Fischer Verlag, sondern zusammen mit dem von Tobias Freimüller beim Wallstein Verlag; und der bei Fischer zuständige Lektor wurde entlassen.

Mitscherlichs Leumund wirkt über seinen Tod hinaus. Auf der Tagung in Jena zeigte sich, wie sehr man es in der Gemeinde der Schüler immer noch bedauert, dass Mitscherlichs psychoanalytischer Zugriff auf die "deutsche Volksseele" letztlich wohl doch nicht ausbaubar war. Warum dies so ist, illustrierte der Vortrag des Analytikers Christian Schneider, der über eine Kontroverse referierte, an der er selbst zu Beginn der neunziger Jahre beteiligt war. Es ging um den wenig gelesenen Bestseller von 1967, "Die Unfähigkeit zu trauern". Schneider sagte: Das Buch, das Alexander und Margarete Mitscherlich gemeinsam schrieben, enthalte zwei Gedanken, die unvereinbar nebeneinander stünden. Auf der einen Seite sei da die strikt psychoanalytische Deutung: Mit Hitlers Selbstmord hätten die Deutschen einen geliebten Menschen verloren. Da Hitlers Tod aber mit der Katastrophe des verlorenen Kriegs einherging, hätten sie den Ablösungsprozess der Trauerarbeit nach dem Verlust des Führers nicht vollziehen können, sondern sich zwangsweise von ihm distanzieren müssen.

Den zweiten Gedanken des Buchs, sagte Schneider, habe Margarete Mitscherlich seit dem Tod ihres Mannes favorisiert: Die Deutschen seien nicht in der Lage gewesen, den Tod der ermordeten Juden zu betrauern. Diese Idee, so Schneider, sei aus psychoanalytischer Perspektive Unfug: Mit Freud bestehe die Trauerarbeit eben darin, dass der Trauernde sich allmählich von dem Betrauerten löst, bis er die eigenen Verlustgefühle vergisst: "Man trauert, um die Erinnerung blass werden zu lassen." Wer von den Deutschen "Trauer" über die Vernichtung der Juden fordere, verlange - aus Freuds Blickwinkel gesehen - dass die Deutschen die Vernichtung der Juden endlich vergessen sollten.

Genau das aber meinte Margarete Mitscherlich nicht; sie wollte vielmehr die Deutschen auffordern, der Judenvernichtung zu gedenken. Für ihr Anliegen gebe es treffende Wörter, sagte Schneider: Erinnerung, Reue oder Mitleid. "Trauer" hingegen sei das falsche Wort, weil es ein Gefühl beschreibe, das man nicht einfordern kann. Alexander und Margarete Mitscherlich hätten den Begriff "metaphorisiert", was dazu beigetragen habe, dass er "inflationär" gebraucht worden sei. Eines der Resultate: der "Betroffenheitskitsch", der in den neunziger Jahren um sich griff.

Obwohl Margarete Mitscherlich Freuds Trauerbegriff für ihre moralischen Anliegen umdeutete, bezeichnete Schneider sie als die Partnerin in dem Autorengespann, die auf die systematische Anwendung von Freuds Theorie Wert gelegt habe. Die Kenner im Publikum sahen das erst recht so. Seinen Bewunderern gilt Alexander Mitscherlich als ein einfallsreicher Tausendsassa, als ein Mann von verlegerischem Talent, als Zeitdiagnostiker, pointierter Stilist und tiefsinniger Analytiker.

Doch, Kritik gab es auch. Martin Dehli sagte, dass Mitscherlichs Vorbehalte gegenüber den Auswüchsen der Moderne den Ansichten nicht ganz fremd seien, die er schon in den zwanziger Jahren vertreten hatte. Tobias Freimüller sagte, "Die Unfähigkeit zu trauern" habe die Debatte über die NS-Vergangenheit der Väter nicht vorangetrieben, das Buch stehe vielmehr am Ende einer Phase dieser Debatte. Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik hielt Mitscherlich vor, sich seine Theorie von der "vaterlosen Gesellschaft" in soziologischen Werken angelesen zu haben - ohne zur Kenntnis zu nehmen, dass viele Väter nach dem Krieg schon deshalb nicht präsent sein konnten, weil sie tot, in Gefangenschaft oder als ehemalige Nazis diskreditiert waren.

Die Psychoanalytiker sorgten indes dafür, dass an der Ikone Mitscherlich nicht allzu heftig gekratzt wurde. Ein absurder Höhepunkt der Tagung ergab sich aus der Frage des Historikers Norbert Frei, wie Mitscherlich als Vater gewesen sei. Mitscherlich war dreimal verheiratet und hatte in den ersten beiden Ehen fünf Kinder bekommen, bevor er 1955 Margarete ehelichte. Zuerst redeten einige um den heißen Brei. Dann meldete sich eine Analytikerin aus dem Publikum: "Auf seine Weise" habe Mitscherlich sich sehr gut um alle Kinder gekümmert.

Von den fünf Kinder aus den ersten zwei Ehen ist bekannt, dass sie sich von ihrem Vater vernachlässigt fühlten. Weil ein vielbeschäftiger Mann schwerlich zwei Haushalte regelmäßig besuchen kann, in denen er nicht zu Hause ist, und weil die wenigsten Männer sich für ihre Kinder mehr interessieren als für Frauen, leuchtet das Urteil der fünf Kinder unmittelbar ein. Warum also diese abstruse Rechtfertigung? Warum die Verhaltenheit jener Tagungsteilnehmer, die Mitscherlichs Familienumstände gut kannten? Es gibt nur eine Erklärung: Für manche Leute ist Alexander Mitscherlich so etwas wie ein Heiliger. Folglich muss er in allen Belangen seines Lebens untadelig gewesen sein. Norbert Frei sagte anschließend, er habe nicht geahnt, dass er mit seiner Frage "an ein Tabu gerührt" habe.

Süddeutsche Zeitung, 2. Mai 2008.