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Alexander Cammann

Beim Häuten der Fibel
Klassentreffen der Zeithistoriker: Eine Tagung über das Werk von Martin Broszat

"Dann hatte ich ihn genau im Visier, nahm den 'Druckpunkt', danach brauchte man nur noch zu ticken." Der Historiker Hans-Ulrich Wehler, Jahrgang 1931, hat jüngst in einem autobiographischen Interviewband (F.A.Z. vom 25. September) noch einmal geschildert, wie er als dreizehnjähriger Pimpf gemeinsam mit anderen Jungen im März 1945 russische Zwangsarbeiter jagte, die in die Gummersbacher Wälder geflohen waren. "Das Gesicht, das ich durch das Zielfernrohr sah", verfolgte den Bielefelder Emeritus später bis in seine Träume: "Gleich hat er dich, schieß ihn nieder." Wehler schoß nicht, da der Flüchtling sich den plötzlich aus dem Wald herausbrechenden Jungen ergab. Doch der Historiker wußte zeitlebens, "daß ich, wenn die anderen nicht in diesem Augenblick hinzugekommen wären, geschossen hätte". Das weitere Schicksal des gefangenen Zwangsarbeiters, den Wehler und die anderen Kindersoldaten stolz bei der Polizei ablieferten, bleibt im Interview offen.

Glück und Unglück in der Generationengeschichte trennt manchmal nur ein Fingerzucken. Wie stark prägen ähnlich existentielle autobiographische Abgründe nicht nur das Werk deutscher Literaturnobelpreisträger, sondern auch Theorie und Praxis der Historiker aus der Flakhelfer-Generation? Auf einer Tagung des "Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts" stand diese historiographische Gretchenfrage im Raum. Martin Broszat, der 1989 verstorbene langjährige Leiter des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), wäre am 14. August achtzig Jahre alt geworden. Aus diesem Anlaß hatte Norbert Frei einstige Kollegen und Mitarbeiter sowie heutige Kritiker des wirkmächtigen NS-Forschers nach Jena geladen.

Ins Visier des jungen Zeithistorikers Nicolas Berg war Broszat vor vier Jahren geraten. Er hatte herausgefunden, daß Broszat, Jahrgang 1926, seit dem 20. April 1944 der NSDAP angehört hatte. Bislang wußte man nur vom HJ-Mitglied und Wehrmachtssoldaten. In Broszats späteren wissenschaftlichen Deutungen des Nationalsozialismus entdeckte Berg folglich nicht das "Pathos der Nüchternheit" (Broszat), sondern sah vielmehr eine "Entlastungssehnsucht" am Werk. Er habe die Opferperspektive ignoriert und in den sechziger Jahren jüdische Forscher wie Joseph Wulf als nicht objektive "Betroffene" ausgegrenzt. Bergs gedächtnisgeschichtlichen Befunde, die den Zugang zu "eingekapselten Erinnerungen" ermöglichen sollten, wurden damals kontrovers diskutiert. Die Tagung barg also Sprengsätze, zumal wie im Falle seiner Germanistenkollegen Walter Jens und Peter Wapnewski unklar ist, ob der achtzehnjährige Pg Broszat von seiner Parteimitgliedschaft gewußt hat.

Doch die Historiker bewegten sich diesmal ohne größere Konflikte durch das verminte Gelände. Historisierung statt Entlarvung war das Programm - insofern siegte Broszat, der im Mai 1985, ein Jahr vor dem "Historikerstreit", im "Merkur" sein Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus publiziert hatte, über seine Kritiker. Einig war man sich über die Verdienste Broszats, der 1955 ans IfZ gekommen war und 1972 dessen Direktor wurde. Broszat habe maßgeblichen Anteil an der Hinwendung zu einer strukturgeschichtlichen Interpretation des Nationalsozialismus hierzulande, stellte Hans Mommsen (Feldafing) fest. Konträr zur Hitler-Fixiertheit in der deutschen Nachkriegsöffentlichkeit rückte er seit Anfang der sechziger Jahre auch aus volkspädagogischen Gründen die politischen und gesellschaftlichen Strukturen des Dritten Reichs in den Mittelpunkt. Seine Gesamtdarstellung "Der Staat Hitlers" von 1969, eine Fibel des strukturhistorischen Schulwissens, erschien in fünfzehn Auflagen, 128 000 Exemplare wurden verkauft.

Frei sprach von einer Grundangst seines Lehrers, den Kern des Nationalsozialismus in seinen Analysen nie genau genug getroffen zu haben. So erkläre sich Broszats intellektuelle Unruhe und Debattenlust. Nostalgisch schwärmte auch der Hitler-Biograph Ian Kershaw (Sheffield) über seine Zeit am IfZ. Broszats Großvorhaben "Bayern in der NS-Zeit" wandte sich in den siebziger Jahren dem Alltag in der Diktatur zu, um Anfang der achtziger Jahre zu scheitern, wie Michael Wildt (Hamburg) es beschrieb: Die Flut von Alltagsgeschichten sowie das Forschungsinteresse an der Judenverfolgung ließen die sechs Bände des Bayern-Projekts plötzlich alt aussehen. Zu gewohnter Form lief Hans-Ulrich Wehler auf, als er im Vergleich zur Ära Broszat den heutigen Zustand des Instituts für Zeitgeschichte charakterisierte: Es sei "intellektuell tot" und habe "keine Ausstrahlungskraft mehr", daher habe es auch keinen Grund gegeben, jemanden von dort zur Tagung einzuladen.

Dennoch bleibt die Frage, weshalb der Holocaust und NS-Judenpolitik innerhalb von Martin Broszats Lebenswerk zum Nationalsozialismus einen vergleichsweise geringen Stellenwert einnehmen. Handelt es sich doch um eine unbewußte Abwehrreaktion, wie Berg gemeint hatte? Sybille Steinbacher (Jena) konnte in ihrer kritischen Gesamtschau keine "auf Exkulpation zielende Erinnerungsverweigerung" entdecken. Broszats strukturfixierte Perspektive der NS-Diktatur ließ wenig Raum für den Antisemitismus als Ideologie oder die Akteure der Judenvernichtung. Täterforschung betrieb erst die folgende Wissenschaftlergeneration.

Der Goldhagen-Effekt trat ein beim suggestiven Vortrag von Nicolas Berg (Leipzig) über die "Generation Broszat". Metapherngewitter und problematische Assoziationen lösten einander ab. Ausgerechnet anhand der damaligen Starintellektuellen Hannah Arendt und Theodor W. Adorno wollte Berg die Vorbehalte der Flakhelfer-Generation gegenüber jüdischen Denkern beschreiben, was nicht überzeugte. Immerhin hatte Adorno zahllose Jünger und seinen Meisterschüler Jürgen Habermas; und Hannah Arendt stand zum Beispiel zeitweilig in engem Austausch mit Joachim Fest. Dessen Gefangennahme als Soldat durch aus Deutschland emigrierte jüdische GIs 1945 - Fest hat sie in seinem Erinnerungsbuch "Ich nicht" geschildert - wurde von Berg brachial aus jeglichem Kontext gerissen, um sie zur "Urszene" für die fehlende Empathie dieser Generation gegenüber den jüdischen Emigranten zu stilisieren: seinerseits ein bemerkenswert empathieloser Akt. Grundsätzliche Kritik wischte Berg methodologisch unbekümmert beiseite: "Einseitigkeit - geschenkt!"

An den zähen Kampf um Anerkennung, den die jüdischen Holocaust-Historiker in Deutschland und Frankreich durchstehen mußten, erinnerte Saul Friedländer (Los Angeles). Broszats "Merkur"-Aufsatz hatte Friedländers Nerv getroffen, weil die jüdische Sicht außen vor blieb. Sein anschließender öffentlicher Briefwechsel mit Broszat 1987 zur Interpretation des Nationalsozialismus erwuchs aus dieser Sorge um die damalige bundesrepublikanische Erinnerungskultur zwischen Bitburg und Historikerstreit. Obwohl Broszat bei seinen fragwürdigen Abgrenzungen zur angeblich "mythischen" jüdischen Erinnerung blieb, kamen sie sich bei seinem Besuch 1988 in Los Angeles nahe.

"Das Menschliche humanen Verhaltens", so schrieb Broszat, "liegt nicht in seiner Größe, sondern gerade in seiner Gebrochenheit." Nur eine Pathosformel, die die eigene Schuld verschleiern soll? Wer darin nicht das bewegende Bekenntnis zu entdecken vermag, bleibt selber, wie Berg es von Broszat behauptet, "ganz im kollektiven Gedächtnisrahmen seiner Generation" eingeschlossen . Heraushelfen kann Brechts Anleitung zur Selbsthistorisierung, seine Verse "An die Nachgeborenen": "Gedenkt / Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht / Auch der finsteren Zeit / der ihr entronnen seid."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. Dezember 2006