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Alexander Cammann

Mitscherlich, ein abenteuerliches Herz
Papiervater oder Ein-Mann-Armee? Eine Tagung in Jena über Alexander Mitscherlich und die Studentenbewegung ging den Widersprüchen im Werk nach, die durch suggestive Formulierungen lange Zeit überspielt werden konnten.

Im Berliner Stadtteil Neukölln kommt es des Öfteren zu Entfremdungsprozessen. Gewalt beherrscht die Fronten des Bürgerkriegs; manchmal rückt die Polizei mit Panzerwagen an. Und wenn daraufhin der ältere, erfahrenere Kämpfer in den Hausflur flüchtet, statt loszuschlagen, ist der junge Streetfighter von seinem verehrten Vorbild heftig enttäuscht: "Das passte nicht zu Pour le mérite. Ich begann Ernst Jünger zu verachten." So schilderte später Alexander Mitscherlich den Augenblick seiner Entfremdung von dem mit Weltkriegsorden ausgezeichneten Schriftsteller; es geschah inmitten einer Neuköllner Straßenschlacht in der blutigen Endphase der Weimarer Republik.

Dabei hatte es in der Nacht des 29. Septembers 1930 verheißungsvoll begonnen. Nach einer Lesung Jüngers in Hof hatte der gefeierte Autor mit dem zweiundzwanzigjährigen Mitscherlich gezecht: "Die Nacht mit ihrer Stimmung war würdig der Feder eines Jean Paul, am Morgen kam ein Gewitter; die Tropfen im Gras und auf den Büschen wurden zu Diamanten im frühen Sonnenlicht", so Jüngers Rückblick Jahrzehnte später. Mitscherlich hingegen erinnerte sich daran, auf der Toilette eingeschlafen zu sein; Jüngers gegen die Tür donnernde Fäuste und dessen Ruf "Ablösung nach vorne!" hätten ihn schließlich geweckt.

Erweckung und Entfremdung ziehen sich durch Leben und Werk Alexander Mitscherlichs, dessen Geburtstag sich am 20. September zum hundertsten Mal jährt. Ganz weit nach vorne brachte ihn die Ablösung nach 1945: Er wurde zum Wegbereiter der Psychoanalyse in Deutschland, Professor in Heidelberg und Frankfurt, Leiter des Sigmund-Freud-Instituts, Herausgeber der Zeitschrift "Psyche", mehrfacher Bestsellerautor, wortmächtiger Linksintellektueller, Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels 1969. Die schillernde Vita des 1982 verstorbenen Arztes, der einst sein Geschichtsstudium kurz vor der Promotion abgebrochen hatte, haben zuletzt die Dissertationen der Historiker Martin Dehli (F.A.Z. vom 11. Juni 2007) und Tobias Freimüller rekonstruiert (Alexander Mitscherlich. Gesellschaftsdiagnosen und Psychoanalyse nach Hitler, 2007).

Die expressive Revolution

Manche Wesenszüge und Haltungen kamen dabei zutage, die bislang hinter Selbststilisierung und Anbetung durch Anhänger weitgehend im Dunkeln geblieben waren: so seine konservativ-revolutionären Aktivitäten in den Berliner Kreisen um Jünger und Ernst Niekisch zu Beginn der dreißiger Jahre. "Es ist mir heute noch schmerzlich, damals auf der falschen Seite gestanden zu haben", bekannte Mitscherlich 1980.
Wo stand Mitscherlich 1968? Eine Tagung am Jenenser Zentrum zur Geschichte des 20. Jahrhunderts versuchte sich unter der Überschrift "Psychoanalyse und Protest" an Positionsbestimmungen. Norbert Frei, der Hausherr und Gastgeber, präsentierte ihn als "treuesten Sympathisanten und Interpreten" der rebellierenden Studenten, der bei seiner Frankfurter Antrittsvorlesung 1967, fünf Tage nach dem Tod von Benno Ohnesorg, bekannt hatte: "Ich habe einfach Angst." Über die konkurrierenden intellektuellen Stichwortgeber Wilhelm Reich und Herbert Marcuse ärgerte er sich gleichwohl und warnte vor "totalen Sozialutopien"; ein studentisches Flugblatt attackierte Mitscherlich folgerichtig als "Papiervater".

Eine expressive Revolution in den sechziger Jahren sah Paul Nolte (Berlin) mit der Schlüsselfigur Mitscherlich als Exponenten eines "psychological turn". Diese Bewegung richtete sich gegen den Optimismus einer als kapitalismusaffirmativ empfundenen empirischen Soziologie, die die fünfziger Jahre dominiert habe. "Entfremdung" lautete der verbindende Begriff zwischen Marx und Freud. Mit Marx konnte Mitscherlich aber nichts anfangen: "Dieser Marx, ich kann ihn nicht lesen, das lehne ich ab", so erinnerte sich Karola Brede (Frankfurt) an Worte ihres einstigen Mentors, der sie ansonsten mit seiner gezielten Radikalität beeindruckt hatte. Sie entdeckte bei ihm Fragmente sozialwissenschaftlicher Argumentationslinien: massenpsychologische Theoreme habe Mitscherlich zwar nie aufgegeben, aber mit moderner Sozialpsychologie überbaut.

Martin Dehli (Berlin) zeichnete seinen Weg von Niedergangstheorien Oswald Spenglers hin zu einer von Arnold Gehlen inspirierten skeptischen Kulturanthropologie nach: Bei Mitscherlich, der sich in einen Linksliberalen verwandelte, dominierten dennoch klassisch-konservative Begriffe wie Trauer, Verlust und Klage über die technisierte Welt.
Mitscherlich war eine charismatische, durchaus konfliktfähige Figur, an dessen Wegesrand gestürzte Vaterfiguren reihenweise liegen blieben: der Philosoph Karl Jaspers, der Mediziner Viktor von Weizsäcker, der Psychoanalytiker Felix Schottlaender und eben Jünger, der bereits 1946 in einer Antwort auf Trennungsbriefe seines einstigen Adepten hellsichtig dessen "Trieb, an mir zum Ödipus zu werden", erkannte. Es gelang jedoch dem dynamischen und offenbar unbelasteten Deutschen in den fünfziger Jahren, die emigrierten jüdischen Psychoanalytiker zu faszinieren, was einen "immensen Statusgewinn" bedeutete, wie Hans-Martin Lohmann ausführte. Einer eigenen Lehranalyse freilich unterzog sich die deutsche "one man army" (Erik Erikson) erst auf starken Druck hin 1958 in London.

Die moralisierte Analyse

So einflussreich seine mit seiner Frau Margarete verfassten Bücher aus den sechziger Jahren waren, so rasch wurden daraus bloße Überwältigungsmetaphern: "Die Unfähigkeit zu trauern", "Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft", "Die Unwirtlichkeit unserer Städte". Tobias Freimüller (Jena) konstatierte, dass "Die Unfähigkeit zu trauern" insofern die Diskussion um die NS-Vergangenheit nicht anstieß, sondern vielmehr suggestiv vorzeitig abschloss – was bis heute nachwirkt.

In einer luziden Exegese dieses Textes wies Christian Schneider (Frankfurt) nach, wie gerade dieser methodisch problematische Schlüsseltext auf einer falschen Lesart des Begriffs der Trauer bei Freud beruhte und dadurch einen selektiven, polarisierenden Effekt in Gut und Böse auslöste: Bei den Mitscherlichs fand eine "Transformation analytischer hin zu moralischen Kategorien" statt. Gedacht war es ohnehin als unausgesprochene Antithese, meinte Dirk Moses (Sydney): gegen Helmut Schelskys Buch "Die skeptische Generation", das 1957 die Utopiebedürftigkeit der jüngeren Deutschen verneint hatte. Mitscherlichs Werk könne man auch als "geheimes Selbstgespräch" (Frei) über die blinden Flecken der Vergangenheit deuten.

Der Ehemann dreier Frauen und Vater von sieben Kindern war eine synkretistische Natur, eine "Journalistenseele, die hinter jeder Metapher hinterhersprang" (Schneider). Es sei unsinnig, deren Wandlungen und Inkonsistenzen beständig aufs Neue entlarven zu wollen, so das Plädoyer Dehlis: Bei Mitscherlich herrsche nun einmal das Primat des Politischen, was für Intellektuelle, die die Bundesrepublik verändern wollten, durchaus gerechtfertigt sei. Die Rolle des einflussreichen, gerne auch unseriösen Provokateurs beherrschte Mitscherlich, auch wenn er sich zwischen einer Funktion als Patriarch oder Emanzipierer nicht entscheiden konnte.

Am 17. Oktober 1930 war Mitscherlich im Berliner Beethoven-Saal mit dabei gewesen, als der Kreis um Jünger und Arnolt Bronnen wie verabredet lautstark jene berühmte "Deutsche Ansprache" Thomas Manns störte, in der der Nobelpreisträger nach dem großen Wahlerfolg der NSDAP vom September dem deutschen Bürgertum ein Bündnis mit der SPD empfahl. Mitscherlich selbst habe "wohl nicht" Krawall geschlagen, wie Biograph Dehli nach dessen Schilderungen dieser Szene annimmt.

Hans Imhoffs Mitscherlich-Aktion

Vierzig Jahre später, am 29. Januar 1969, stieg der Dichter und Aktionskünstler Hans Imhoff, genannt "Frosch", im Frankfurter Hörsaal während einer Vorlesung Alexander Mitscherlichs hinter diesem auf den Stuhl und begann eine jener wohlgeplanten "Unterbrechungen", mit denen er auch Habermas und Adorno traktierte: Er las monoton aus einem Skript des Professors über das Wesen der Aggression und verwickelte den vergleichsweise gefassten Mitscherlich in eine Diskussion – "Ooch Mitschi, analysier mich doch", worauf die Replik "Dorftrottel" kam. Imhoff hat diese viertelstündige Aktion später mit lesenswert skurrilen Augenzeugen-Interviews rekonstruiert (dokumentiert in der Zeitschrift "Kultur & Gespenster", Heft 4, Textem Verlag, Hamburg 2007). Imhoffs Botschaft, ins studentische Auditorium gerichtet: "Zitternd fuhr der Sohn mit dem Bus hierher, um den Vater zu stürzen." Bei seinem Rückzug vom Podium ist Alexander Mitscherlich dann zwar nicht gestürzt, aber immerhin gestolpert.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. April 2008, S. N 3.