Startseite

Jörg Später

Sich selbst begraben
In Jena stritten Historiker über Auschwitz als Chiffre

Martin Broszat ist bei heutigen Geschichtsstudenten ein unbeschriebenes Blatt. Das war einmal anders: In den 70er Jahren gehörte Broszats „Der Staat Hitlers“ (1969) zur Pflichtlektüre. Der 1926 in Leipzig geborene Historiker war von 1972 bis zu seinem Tod 1989 als Direktor des Münchener Instituts für Zeitgeschichte eine der bedeutendsten Größen seines Faches. Umso überraschender war es, dass Broszat nach seinem Tod rasch in Vergessenheit geriet. Und auch das Institut für Zeitgeschichte verlor sukzessive seine dominante Position in der deutschen Geschichtswissenschaft. So ist es kaum erstaunlich, dass nicht in München, sondern im „Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts“ an der Friedrich-Schiller-Universität, beim einstigen Schüler Broszats, Norbert Frei, ein Symposion zur kritischen Würdigung anlässlich des 80. Geburtstages veranstaltet wurde – bei dem noch nicht einmal ein Vertreter des IfZ anwesend war.

Zur Tagung wäre es kaum gekommen, hätte es in den vergangenen Jahren nicht einen handfesten Streit um das Buch „Der Holocaust und die westdeutschen Historiker“ von Nicolas Berg gegeben, in dem dieser Broszat und die strukturalistische Schule insgesamt angegriffen hatte. Berg hatte einen Zusammenhang hergestellt zwischen Broszats Mitgliedschaft in der NSDAP als 18-Jähriger, die er verschwiegen habe, Broszats Umgang mit dem jüdischen Historiker Joseph Wulf, dem er Rachsucht vorwarf und Wissenschaftlichkeit absprach, und dem berühmten Briefwechsel mit Saul Friedländer Mitte der achtziger Jahre über die Historisierung des Nationalsozialismus, in dem Broszat die Dichotomie zwischen vermeintlich objektiver deutscher Zeitgeschichtsforschung und subjektiver jüdischer Erinnerung wiederholte. Berg hatte den Strukturalismus als Vermeidungsdiskurs bewertet.

Pathetisch und doch nüchtern

Die Reaktionen waren überaus heftig. In Jena sollte sich zeigen, ob Erregung in Erkenntnis umschlagen könnte. Alle waren versammelt: Broszats Mitstreiter Hans Mommsen, die Generation der Söhne, neben Frei etwa Ian Kershaw, Bernd Weisbrod und Volkhard Knigge, die Generation der Enkel, neben Berg unter anderem Sybille Steinbacher, und Broszats einstige Kritiker, außer Dan Diner vor allem Saul Friedländer selbst.

Hans Mommsen fühlte sich unverstanden und zeigte sich gekränkt. Seine Generation habe die nationalapologetische Stoßrichtung am IfZ in eine gesellschaftskritische verwandelt. Sie habe mit dem „Pathos der Nüchternheit“ den Nationalsozialismus erforscht und den Blick auf gesellschaftliche Eliten statt auf den Dämon Hitler gelenkt. Nun werde ihr Verharmlosung vorgeworfen. Broszats Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus, der der Anlass zu Friedländers Kritik und dem Briefwechsel war, hält Mommsen heute für einen schwachen Text, dessen Bedeutung völlig überbewertet werde.

Die Generation der Söhne übte sich in loyaler Kritik an Broszats Lebenswerk. Der Streit mit Friedländer ist auch für sie zuungunsten Broszats entschieden. Die Ambivalenzen im Werk Broszats seien nicht zu denunzieren, sondern produktiv zu machen. Bergs Kritik wurde von dieser Alterskohorte als völlig überzogen zurückgewiesen. Sie gehe von moralisch freischwebenden Akteuren aus, blende Kontexte aus, kümmere sich nicht um das geistig-moralische Milieu oder die Konjunkturen von Wissenschaftssystemen, kurz, stelle die Generation der Broszats und Mommsens unter einen schauerlichen Apologieverdacht, unter einen systemischen Vorbehalt, nach dem es nur mehr oder weniger ausgeprägte Apologien des Nationalsozialismus gebe.

Wie fremd sich Enkel und Großväter sind, zeigte Bergs Vortrag über Leitbegriffe als generationelle Deutungsarbeit. Zur Sache betonte er erneut, wie sich durch das „Pathos der Nüchternheit“ Gedächtnis in Geschichte verwandelte und die Strukturtheorie die Schulddiskurse der Rothfels-Generation ablöste. Vor allem wurde deutlich, dass seine diskursanalytische Perspektive eine völlig andere Sprache mit sich führt, die ihn Welten von Mommsen trennt.

Die anderen Enkel teilten zwar nicht unbedingt Bergs Kritik und Perspektive, aber doch seinen unemphatischen, kalten, kritischen Blick auf die Zeitgeschichte. Sybille Steinbacher interpretierte die Blindstellen gegenüber der nationalsozialistischen Judenpolitik als Folge des Ansatzes und nicht als Resultat einer Verweigerung. Norbert Frei zeigte sich über solche Blicke von außen beeindruckt, gab aber zu erkennen, welche Selbstdisziplin es erfordert, eine „Historisierung bei lebendigem Leibe“ hinzunehmen.

Der Höhepunkt der Tagung war zweifelsohne der Auftritt der Kritiker. Dan Diner demonstrierte, Bergs Ansatz unterstützend, den Zusammenhang von Erinnerung und Erkenntnis. Broszat habe sich bewusst dafür entschieden, die NS-Geschichte als deutsche Geschichte zu schreiben, zum Beispiel indem er vom „katastrophischen Ende“ erzählte und nicht vom „Ende der Katastrophe“. Seine Frage war, „wie es geschehen konnte“, und nicht die der Opfer, „warum wir?“. Broszat fragte deshalb nach der Struktur und nicht nach der Intention. Das sei legitim, aber eben alles andere als „objektive Geschichtsschreibung“. Forschung habe immer einen doppelten Boden. Friedländer war bemüht zu beweisen, dass Broszat den Holocaust aus der Historisierung verbannt, da er Auschwitz als metahistorisch betrachtet habe. Als Subtext seines Briefwechsels machte er eine Befürchtung Broszats aus, die Erinnerung der Volksgenossen könne durch die Erinnerung der jüdischen Opfer ersetzt werden.

Friedländer erzählte darüber hinaus, wie verängstigt er Mitte der achtziger Jahre nach Broszats Plädoyer für eine Historisierung angesichts der politischen Atmosphäre gewesen sei, von Ernst Nolte war bereits ein Auschwitz relativierender englischer Aufsatz erschienen, Golo Mann in der Zeit und Rudolf Augstein im Spiegel hatten merkwürdige Töne angeschlagen, Kohl war in Bitburg gewesen, und die Proteste der jüdischen Gemeinde in Frankfurt gegen das Fassbinder-Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ waren auf Unverständnis gestoßen. Auschwitz drohte in der deutschen Nationalgeschichte zu einem polnischen Dorf zu werden. Friedländer bekannte, wie sehr ihn die fehlende Anerkennung der deutschen Zunft geschmerzt und verunsichert habe.

Erregung kann also in Erkenntnis umschlagen. Broszats Plädoyer schärfte bei seinen damaligen Kritikern ein Bewusstsein für den Zusammenhang von Erinnerung und Erkenntnis. In Jena wurde aber zugleich deutlich, dass sich die Zeiten geändert haben. Friedländer wurde allenthalben tiefer Respekt bezeugt. Lutz Niethammer bekannte, dass er nun endlich begriffen habe, welches Problem Friedländer mit Broszats Vorstoß hatte.

Aufprall eines Meteors

Was bleibt vom Plädoyer für die Historisierung? Heute ist eher ein Zuwenig an Geschichte zu beobachten. Auschwitz ist von seinem Kontext, dem Zweiten Weltkrieg, losgelöst, wurde zur moralischen Betroffenheitsmetapher und zugleich anthropologisiert. Auschwitz ist nicht mehr die Vernichtung der Juden, sondern ein Chiffre für „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, für das Böse schlechthin. Die Historisierung wird zwangsläufig kommen, nämlich dann, wie Ian Kershaw festhielt, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt. Dann werden sich Täter- und Opferperspektiven miteinander arrangieren müssen, vielleicht in jener Formel, wie sie Diner konturierte: Broszat habe mit seinen Analysen des NS-Staates die Flugbahn eines Meteoriten beschrieben, dessen Aufprall und Wirkung Friedländer in seinem neuen Buch über „Die Jahre der Vernichtung“ schildert.

Süddeutsche Zeitung, 19. Dezember 2006