Startseite

Matthias Arning

Historischer Zusammenhang. Bei der Eröffnung des Jena Center zur Geschichte des 20. Jahrhunderts hat der Historiker Fritz Stern dafür geworben, deutsche Geschichte im europäischen Kontext zu betrachten.

Fritz Stern ist über den Verdacht des Relativismus erhaben. Und doch schickt er im Alten Schloss Dornburg, dem Gästehaus der Universität Jena, seinem leidenschaftlich vorgetragenen Plädoyer vorweg, dass er wirklich nichts verharmlosen wolle. Aber von heute aus betrachtet stellen sich die Dinge so dar: Selbst auf dem Höhepunkt nationalistischen Denkens in Deutschland habe dieses Bewusstsein in einem europäischen Zusammenhang gestanden. Damit würden die Verbrechen der Deutschen nicht kleiner, doch klar sein müsse: Es habe in Europa auch andere Nationen gegeben, die bereitwillig mitgemacht hätten. Damit stehe auch nicht in Frage, dass "die Verrohung, die andere Nationen in Europa infiziert hat, von Deutschland ausgegangen ist".

Stern, Jahrgang 1926 und unter anderem Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, skizzierte in seiner Rede zur Eröffnung des Jena Center im Grunde dessen Forschungsprogramm. Es ist einstweilen auf Jahre angelegt und kann unter der Leitung des Historikers Norbert Frei auf eine Million Euro bauen, die Christiane und Nicolaus-Jürgen Weickart aus ihrem privaten Vermögen für diese Forschung beisteuerten.

Das Jena Center will in dieser Zeit vor allem der Frage nachgehen, wie sich die Geschichte der Nationalstaaten in die mit dem 20. Jahrhundert aufgestoßene, größere europäische Perspektive einbinden lässt, ob dieses Jahrhundert durch die kriegerischen Katastrophen als zeitlicher Block zerfällt und wie die Menschen mit ihrer eigenen Erfahrung umgehen, Zeitgenossen zu sein.

Für Fritz Stern steht außer Frage, dass die Geschichtsschreiber grundsätzlich ihren Blick öffnen müssen. Lange Jahre hätten etwa US-Historiker die amerikanische Geschichte als unabhängig von jeglichen Einflüssen betrachtet und ihr Sendungsbewusstsein herausgestellt. Das bereite ihm, dem Professor aus New York, Unbehagen, und er nehme es als angenehm war, dass sich allmählich auf diesem Feld etwas ändere. Die Kollegen in Europa sähen sich mit einem ähnlichen Problem konfrontiert, denn sie müssten sich heute nicht mehr die Frage stellen: Wie konnte es in Deutschland dazu kommen, sondern vielmehr: "Wie war Hitler in Europa möglich?"

Wenn man auf diese Weise an die Geschichte herangehe, heiße das keineswegs, dass man sich von "der Erinnerung an die Millionen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Tod getrieben wurden", womöglich verabschieden wolle. Er selbst erinnere sich nur zu gut an die Entscheidung seiner Eltern, im August 1938 Breslau zu verlassen, um in den Vereinigten Staaten eine neue Existenz zu wagen. Erst jetzt, beim Schreiben eines neuen Buches über Deutschland, habe er gemerkt, wie ihn diese Zeit seiner Jugend geprägt habe. Aus heutiger Perspektive erschienen ihm die Jahre vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende des Zweiten im Grunde wie ein zweiter "Dreißigjähriger Krieg" – gemessen an den verheerenden Ausmaßen der gewaltsamen Auseinandersetzungen im 17. Jahrhundert.

Noch so eine Aufgabe für den jetzt gegründeten Forschungsbereich unter Zeithistoriker Frei. Schließlich, beharrt Stern, müsse man Jüngeren klar sagen, welche Lehren aus der Geschichte man denn jenseits aller Beschwörungen ziehen wolle. Für Thüringens Ministerpräsidenten Dieter Althaus ist bei der Eröffnung des Jena Center klar: "Geschichte macht nicht klug für ein anderes Mal", zitiert er zustimmend den Kulturhistoriker Jakob Burckhardt, vielleicht aber mache "Geschichte weise für das Leben".

Doch diesem Braten traut Stern nicht. Ihm fällt vielmehr ein alter Witz ein. Der handelt vom lieben Gott und vom Historiker und geht so: "Was eigentlich ist der Unterschied zwischen dem lieben Gott und einem Historiker? Der liebe Gott kann die Vergangenheit nicht ändern."

Frankfurter Rundschau, 20. Januar 2006