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Matthias Arning

Mehr als Gerede. In Jena gestehen sich Historiker weiterhin Deutungskraft zu

Alles wirkt unübersichtlich zu Beginn dieses Jahrhunderts, komische Stimmung. Dabei sollte es doch besser etwas Verlässliches geben. Orientierungspunkte gewissermaßen, zumindest aber Gehilfen. Woher aber nehmen? Wenn schon Historia keine Magistra Vitae mehr sein kann und jeder Anspruch in dieser Hinsicht sofort als vermessen gebrandmarkt würde. Nach 1945, da war das anders. Da war es aus Sicht Lutz Niethammers ein Leichtes, die Aufgaben des Historikers in schwieriger Zeit zu bestimmen. Zumal, daran will der Professor bei diesem Symposium auf Schloss Dornburg, dem Gästehaus der Friedrich-Schiller-Universität Jena, keinen Zweifel lassen, zumal es "erhebliche Beihilfe zur deutschen Zeitgeschichte" unmittelbar nach Kriegsende und unter dem Eindruck der Ermordung der europäischen Juden gegeben habe. Die Amerikaner hätten die Linie deutlich gezogen: Geschichte musste zuallererst volkspädagogisch wirken.

Ist das eine Aufgabenstellung, an der sich Historiker heute noch orientieren können? Verharrt Geschichte also in einer nationalstaatlichen Dimension, oder muss sie sich nicht vielmehr einer europäischen, eben transnationalen Perspektive öffnen? Vor allem aber, und grundsätzlich: Was heißt und zu welchem Ende studiert man die Geschichte des 20. Jahrhunderts?

Dieser Frage, wenngleich sie auch nicht mehr die Wucht entfaltet, die Zeitgenossen nach Friedrich Schillers Antrittsvorlesung 1798 in Jena verspürten, ging dieser Tage das Symposium nach, das gleichsam am Anfang des "Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts" stand. Einer Einrichtung, die sich einer privaten Spende der Bürger Christiane und Nicolaus-Jürgen Weickart verdankt: Sie statteten das Center für die kommenden fünf Jahre mit einer Million Euro aus und finanzieren somit auch eine Gastprofessur an diesem Kolleg für Postgraduierte.

Fritz Stern übernimmt im Frühjahr diesen Lehrstuhl. Und er machte bei der Jenenser Tagung deutlich, welche Akzente er in diesem Zusammenhang setzen will: Für ihn, darauf beharrte der 1926 geborene Chronist des 20. Jahrhunderts, gehe es um eine Europäisierung der historischen Perspektive. Doch dass davon bereits wirklich die Rede sein könne, wollte dem Kieler Zeithistoriker Christoph Cornelißen nicht einleuchten: Von einer Europäisierung des Gedächtnisses könne gerade im Hinblick auf die nationalstaatlichen Orientierungen in Südosteuropa nicht gesprochen werden. Denn wie, bitte sehr, sollten etwa die Erfahrungen der Slowaken, die während des Zweiten Weltkriegs in acht verschiedenen Armeen gekämpft hatten, in ein solches kollektives Gedächtnis eingebunden werden?

An dieser Stelle meldete nicht nur Norbert Frei, Gastgeber und Leiter des Jena Center, Widerspruch an. Schließlich könne die europäische Perspektive nicht jedesmal in Frage gestellt werden, sobald irgendwo ein "Restbestand" kollektiver Erinnerung auftauche. Aufgabe der Historiker sollte es gegenwärtig auch nicht sein, "ständig neue Reste" zu markieren. Selbst wenn die Geschichtswissenschaftler als Deuter der Zeit abtreten müssten, bleibe doch die Frage, was dann komme. Zumal im Zusammenhang mit der Europäisierung endlich mit einem ganz grundlegenden Missverständnis aufgeräumt werden müsse, eilte die Berliner Kulturhistorikerin Sigrid Weigel dem Kollegen Frei zur Seite: Europäisierung lässt sich nämlich nicht einfach verstehen "als Summe nationaler Gedächtnisse".

Die Erweiterung der Perspektive mithilfe der Europäisierung könnte aber womöglich zu einem neuen universalgeschichtlichen Anlauf führen. So wie früher, vom Ende des 18. Jahrhunderts an, entworfen von den Enzyklopädisten im Namen des Fortschritts und im Glauben an utopisch aufgeladene Zeiten. Etwa so, wie es der Franzose Condorcet formuliert hatte: Zeiten, in denen "die Sonne hienieden nur noch auf freie Menschen scheint". Doch recht eigentlich kommen diese Entwürfe nicht mehr in Frage, denn wie wollte man heute noch ein solches Movens der Geschichte behaupten. Spätestens nach diesem 20. Jahrhundert kann niemand mehr auf die Idee kommen, dass Geschichte sich als ein finaler Prozess beschreiben ließe, noch dazu in einem als allmählich aufsteigend vorgestellten Verlauf.

Erinnerung der Erinnerung

Geschichte, diesen Vorschlag unterbreitete schließlich Volkhard Knigge den Kollegen, die partout ihren Anspruch, zu Beginn des 21. Jahrhunderts Spuren ziehen zu können, nicht aufgeben wollen, Geschichte sollte sich verstehen als "Erinnerung der Erinnerung". Wenn von einer "Ambivalenz der Erinnerung" ausgegangen werde, könnten sich aufklärerische Potenziale erschließen, empfiehlt der Direktor der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Ansonsten bleibe von Erinnerung allein – Gerede.

An dieser Stelle bringt die Berliner Kollegin Weigel den Sozialgeschichtler und Philosophen Michel Foucault ins Spiel. Mit ihm ließen sich Ansprüche an heutige Historiker wieder auf ein Maß zurechtrücken, dass angesichts der Weiträumigkeit der zeitgenössischen Bewusstseinsprobleme eine eindrucksvolle Rückkehr ermögliche – von den Monumenten zu den Dokumenten. Vielleicht ließe sich so eine angemessene Kontextualisierung des 20. Jahrhunderts erreichen. Vielleicht auf einem Weg, den ähnlich Dan Diner in seiner universalhistorischen Deutung des vergangenen Jahrhunderts vor sechs Jahren versucht hat – mit einem eindrucksvollen Buch. Das allerdings "aus Auslassungen besteht", wie er selbst einräumte.

Noch Tage nach Schillers Antrittsvorlesung, berichteten Zeitgenossen dieser Jahrhundertwende, habe man über die Antrittsvorlesung geredet. Selbst wenn Historiker heute nicht mehr mit einer Emphase wie zu Schillers Zeiten rechnen, im Gespräch wollen sie bleiben.

Frankfurter Rundschau, 24. Januar 2006