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Jörg Später

Ehrsucht, Habsucht, Herrschsucht. Zu seiner Eröffnungstagung fragte das „Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts“ nach Themen und Methoden der Geschichtswissenschaft

Die Spitze des Landes Thüringen hatte sich auf Schloss Dornburg versammelt, wo einst Goethe gesagt haben soll: "Von diesem Ort aus bricht eine neue Epoche der Geschichte an – und ihr könnt sagen: Wir sind dabei gewesen". Dornburg liegt in der Nähe von Jena, wo einst Hegel den Weltgeist zu Pferde gesehen hat und Norbert Frei Professor für Geschichtswissenschaft ist. Letzterem ist es gelungen, einen Mäzen für das "Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts" zu finden. Ministerpräsident Dieter Althaus wünschte dem Center, "aus Geld Wissen zu machen und aus Wissen Geld". Ob dies ein Glückwunsch oder eher eine Drohung war, ist interpretierbar.

Verhandelt wurde Schillers etwas abgewandelte Frage: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Geschichte des 20. Jahrhunderts? Wer geschichtspolitische Erörterungen über den historischen Ort von Nationalsozialismus oder Stalinismus erwartet hatte, sah sich allerdings enttäuscht. Nicht Themen und Gegenstände, sondern eher Fragen, Ansätze und Methoden standen im Zentrum der Tagung. Einige aus dem Publikum monierten die "luftigen" Debatten. Gerade die älteren Historiker zweifelten am Gebrauchswert der Veranstaltung. Hans Mommsen etwa murrte, solch komplizierte theoretische Vorläufe verhinderten Forschung.

Für andere aber war das Symposion anregend. Im Panel für Gedächtnisgeschichte spielte etwa das gemischte psychoanalytische Doppel Sigrid Weigel und Volkhard Knigge. Die Literaturwissenschaftlerin sprach über "Pathosformeln", also über Ausdrucksformeln von Leidenschaften im Zusammenhang von Erinnern und Vergessen. Und der Direktor der Gedenkstätte Buchenwald meldete Zweifel an der kathartischen Wirkung des Gebotes "Remember!" an. Erinnerungsmanifeste seien Produkte von Menschen, die diese zur Angstbewältigung benötigten. Somit ständen das für die Gegenwart Nützliche im Vordergrund und die Vermachtung von Erinnerung. Nicht selten, so im Falle eines Bürgerkriegs, trage Erinnerung gerade zur Verfestigung von Feindschaften bei.

Beeindruckend war auch der Auftritt von Lutz Niethammer, dem Pionier der Oral History. Er historisierte die Kulturwissenschaften, in deren Kern eine demokratische Frage gestanden habe: Minderheiten aller Länder vereinigt euch! dann forderte er, Kants Begriff der bürgerlichen Gesellschaft für eine solche globale Geschichtsschreibung nutzbar zu machen: Ehrsucht, Habsucht und Herrschsucht seien die Säulen, auf denen jede Gesellschaft beruhe, die Sünde somit die Produktivkraft hinter der Aufklärung.

Dan Diner schließlich forderte eine Öffnung des Bildes vom Zweiten Weltkrieg. Nachdem man in Europa schon der verschiedenen west- und osteuropäischen Erinnerung bewusst geworden sei, gelte es nun, auch die koloniale Perspektive zur Kenntnis zu nehmen. Anhand der Erinnerungsikone 8. Mai zeigte er, wie gegenläufig der Holocaust- und der postkoloniale Diskurs sind. Während jenes Datum in Europa als Tag der Befreiung gefeiert wird, ist er in Algerien ein Tag der Trauer. Denn an jenem 8. Mai 1945 gingen in Sétif die Menschen auf die Straße, um für die Unabhängigkeit zu demonstrieren. Die französische Armee richtete daraufhin ein Massaker mit Zehntausenden von Toten an.

Neben solchen unkonventionellen Vorschlägen für neue Deutungsparadigmen und -begriffe für die Geschichte des 20. Jahrhunderts sorgten auch einige intelligente Provokationen für Unterhaltung. Hans Günter Hockerts etwa rechnete den Kulturalisten vor, dass die deutschen Krankenkassen mehr Geld für Gebisse ausgeben als sämtliche öffentlichen Haushalte für Kultur. Er plädierte dafür, sich lieber mit Sozialpolitik zu beschäftigen, als sich in einer unendlichen Kette von Deutungen von Deutungen zu verlieren. Erfrischend konservativ gab sich auch Ian Kershaw, der meinte, ob die Perspektive national, transnational oder subnational ist, sei egal und hänge vom Thema ab. Statt zu ergründen, wie viel Kultur in Politik enthalten ist, schreibt er lieber ein gutes Buch – etwa eines über die Geschichte des 20. Jahrhunderts: In ihm müsste es um Utopien, Gewalt, Wohlstand und Technologie gehen; im Zentrum dieses Vierecks stünden Macht und Herrschaft.

Weniger konservativ präsentierte sich Natan Sznaider. Der Soziologie vermisste Guido Knopp und Steven Spielberg auf der Tagung, denn diese seien gegenwärtig die wichtigsten Zeithistoriker. Erinnerungsräume würden heute durch Bilder, nicht durch Sprache geprägt, von Emotionalität, nicht von Wissen, von Trivialisierung und Kommerzialisierung. Dies sei nicht nur negativ, denn Engagement für Menschenrechte komme aus dem Bauch. Müssen Historiker also Teil der Erlebnisgesellschaft werden, der Gesellschaft außerhalb der geisteswissenschaftlichen Institute, der Warengesellschaft? Muss die Geschichtswissenschaft, will sie gesellschaftlich relevant sein, in der Tat Wissen zu Geld machen?

Das nicht an Bedingungen geknüpfte Geld entzieht das Jena Center und Norbert Frei freilich erst einmal von der Logik des Wissens als Ware. Was also soll es erforschen? Wie wäre es mit Wissen und Geld im 20. Jahrhundert? In diesem Tandem wären einige der vorgeschlagenen Zugriffe auf das 20. Jahrhundert eingeschrieben: Knigges Priester und Sznaiders Makler von Erinnerung, Niethammers Ehrsucht, Habsucht und Herrschsucht, Diners postkoloniale Perspektive, Hockerts Gebisse und Kershaws Macht und Herrschaft via Utopien, Gewalt, Wohlstand und Technologien. Und sie alle wären nicht nur Zeugen, sondern Paten einer neuen Epoche der Geschichtsschreibung gewesen.

Süddeutsche Zeitung, 28. Januar 2006