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Hannes Stein

Mit Reden über Sinn und Unsinn der Zeitgeschichte startet das
"Jena Center"

Das 20. Jahrhundert war bekanntlich ein Kentaur: hinten ein Brauereipferd, das den Karren des Fortschritts zog, vorne aber ein Mensch, der zwischen 1914 und 1918 in Raserei verfiel und danach ideologisch begründete Massenmorde beging. Wer sich professionell mit dem 20. Jahrhundert beschäftigt, muß diese beide Hälften in den Blick bekommen. Unter der Leitung von Norbert Frei hat sich jetzt an der Universität Jena, ausgerüstet mit einer privaten Spende, das "Jena Center" etabliert, das dem blutbefleckten Kentauren Mithilfe von Gastprofessoren zu Leibe rückten will.

Der erste dieser Gastprofessoren ist Fritz Stern, 1926 in Breslau geboren und im Alter von zwölf Jahren aus Hitlers Deutschland nach Amerika emigriert. In seiner Antrittsvorlesung im Rahmen eines Symposions auf dem Dornburger Schloß bei Jena sagte Stern Freundliches über die deutsche Zeitgeschichtsforschung (vor allem den anwesenden Hans Mommsen) und Unfreundliches über die Regierung Bush. Beides wurde von den Anwesenden gern gehört.

Wer aber soll die Erkenntnisse der Wissenschaft einem breiteren Publikum vermitteln? Natan Sznaider (Tel Aviv) versuchte mit der Eröffnung zu schockieren, daß die größten lebenden Zeithistoriker womöglich Guido Knopp und Steven Spielberg heißen; die Klagen über "Trivialisierung" und Kommerzialisierung" der Historie seien so stereotyp wie unangebracht. Der Schock war noch nicht ganz verwunden, als die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel (Berlin) die Folgen erklärte, wenn Zeitgeschichte als Gedächtnisgeschichte betrieben wird: Die Psychoanalyse steigt mit ins Boot. Denn dann muß man sich auch dem "Unbewußten der Geschichte" stellen. Was damit gemeint ist, machte Weigel anhand der Pathosformel von der deutschen "Schuld und Scham" angesichts des Holocaust klar: "Scham" verweise auf Adam und Eva, und in der "Schuld" schwinge die christliche Vorstellung von der Erbsünde mit.

Handfester gab sich später der Hitler-Biograph Ian Kershaw (Sheffield), der zum wissenschaftlichen Beirat des "Jena Center" gehört. Ihm gelang tatsächlich die Quadratur der Zeitgeschichte. Deren vier Seitenkanten heißen: Utopie, Gewalt, Technologie, Wohlstand. An Hand dieser Begriffe lasse sich eine Machtgeschichte des 20. Jahrhunderts schreiben: sowohl über seine mörderische erste als auch über seine bessere zweite Hälfte, die zumindest dem Westen einen Lebensstandard bescherte, wie es ihn nie zuvor gegeben hat. Das Datum aber, an dem alle vier Faktoren zusammentreffen, ist für Kershaw der 11. September 2001, der Tag, an dem Al Qaida den Demokratien den Krieg erklärten. Das 20. sei nicht das "kurze Jahrhundert", von dem Eric Hobsbawm sprach (der das Säkulum 1914 beginnen und 1989 enden ließ). Es habe schon im 19. Jahrhundert angefangen und sei noch nicht vorbei.

Dan Diner (Jerusalem, Leipzig) plädierte dafür, den Blick für "koloniale Räume" zu weiten. Der 8. Mai 1945, für Europa der Tag der Befreiung vom Hitlerismus, sei für Algerier der Tag eines Massakers, das französische Truppen an ihnen verübten. Die europäische Erinnerung an den Holocaust und die postkoloniale Erinnerung von Migranten aus der Dritten Welt rieben sich aneinander. Nicht unwidersprochen blieb der Versuch von Jeffrey Herf (Maryland), den Blick über die Grenzen des Westens hinaus zu richten. Er erinnerte daran, daß der Totalitarismus auch des Arabischen und Persischen mächtig sei. Doch kann der Begriff des Totalitären auf nichtwestliche Gesellschaften angewandt werden? Gegenfrage: Wenn der Antisemit an der Spitze des Iran nicht totalitär ist, wer dann?

Die Welt, 25. Januar 2006