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Uwe Justus Wenzel

Rückkehr des Weltgeistes. Ein Symposion in Jena

Dem Charme des Titels ist schwer zu widerstehen: "Was heisst und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?" Die Frage, die Friedrich Schiller Ende Mai 1789 in seiner akademischen Antrittsrede in Jena hatte beantworten wollen, animiert seit gut zwei Jahrhunderten zu mehr oder minder gelingenden Variationen. Die neueste lautet: "Was heisst und zu welchem Ende studiert man Geschichte des 20. Jahrhunderts?" Diese Anverwandlung der Schillerschen Wendung zählt zweifellos zu den verzeihlichen - schon allein deswegen, weil das Symposion, dem sie als Leitfrage diente, am vergangenen Wochenende auf dem unweit von Jena gelegenen Alten Schloss Dornburg stattfand. Zudem war die Tagung Teil eines Eröffnungszeremoniells, mit dem eine am geschichtswissenschaftlichen Institut der Jenenser Friedrich-Schiller-Universität angesiedelte neue Einrichtung aus der Taufe gehoben wurde. So mögen bei der Formulierung des Tagungsthemas Neigung zur Nachahmung und Verpflichtung zur Traditionspflege zwanglos und schillerisch zusammengefunden haben.

Ansätze und Perspektiven

Das von Norbert Frei geleitete "Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts", das sich mit dem Symposion in die geschichtsforschende Zunft eingeführt hat, verdankt seine Existenz einer generösen privaten Spende. "Unterschiedliche Deutungsansätze und Forschungsperspektiven" sollen, wie in einem Faltblatt zu lesen steht, in der Arbeit des Zentrums verknüpft werden. Erfreulich unaufgeregt und nüchtern tönt das. Auch die Exposés der zwei Dutzend Vortragenden - unter ihnen Ian Kershaw (Sheffield), Ute Frevert (New Haven), Dan Diner (Leipzig / Jerusalem) und Wlodzimierz Borodziej (Warschau) - zeugten alles in allem von einer ideologiepolitisch weitgehend entspannten, von einer pluralistischen Geschichtswissenschaft. Gedächtnis- und Erinnerungsgeschichte, Macht- und Politikgeschichte, Sozialgeschichte, Ideen- und Begriffsgeschichte, Diskurs- und Kulturgeschichte halten es miteinander aus, wenn sie sich damit bescheiden, "Ansätze" und "Perspektiven" zu sein, und nicht zu Weltanschauungen aufblähen.

Dabei sind die Differenzen, die zutage treten, wenn über Sinn und Zweck der neueren und neuesten Geschichte diskutiert wird, naturgemäss keine geringfügigen: Hat die Geschichtswissenschaft einen volkserzieherischen Auftrag, oder soll sie auch die noch nicht vergangene Vergangenheit einzig erforschen, um die Gegenwart leidenschaftslos zu begreifen? Soll sie, wie Nathan Sznaider (Tel Aviv) forderte, zum Mittel der Trivialisierung greifen, um publikumswirksam zu sein? Oder soll sie sich um verständliche Vermittlung bemühen, ohne zu trivialisieren und zu vereinfachen, wie Michael Brenner (München) einwandte? Wird zu viel differenziert und zu wenig generalisiert, so dass die Zeithistoriker bisweilen den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen, wie Hans Günter Hockerts (München) bemerkte? Oder ist es ratsam, weil Zeithistoriker selbst Zeitgenossen sind und sich ihrerseits mitten im Wald befinden, auf eilige Urteile und Etikettierungen zu verzichten, wie Martin Sabrow (Potsdam) andeutete?

Hegel und Napoleon

Der dem "Jena Center" in die Wiege gelegte Fragenkatalog wuchs im Laufe des Symposions ins Unüberschaubare. Fritz Stern, der im Sommer als erster Gastprofessor des Zentrums tätig sein wird, hatte den Katalog in seinem Eröffnungsvortrag aufgeblättert und mit den Einträgen begonnen. Der renommierte amerikanische Historiker schloss - auch das liegt in Jena nahe - mit dem Hinweis auf Hegel und bemühte den Weltgeist. Vor zweihundert Jahren, nach der Schlacht von Jena und Auerstedt, ist Hegel des Weltgeists in Gestalt von Napoleon ansichtig geworden. Nun, so Stern, mache der Weltgeist erneut Station in Jena, im "Jena Center Geschichte des 20.Jahrhunderts". Das Auditorium im Kaisersaal des Schlosses Dornburg - darunter der thüringische Ministerpräsident - musste sich die aufkeimende Frage selbst beantworten, was es zu bedeuten habe, wenn der Weltgeist nach Jena zurückkehrt und ausgerechnet Historiker zu seinen Geschäftsträgern macht. Ist die Weltgeschichte etwa doch zu Ende, und es bedürfte lediglich noch des Bilanzierens, des Rechnens mit den Beständen? Oder hat der Weltgeist kapituliert und die grössere Macht der Historiker anerkannt? Jene Macht, die sich in einem Historikerwitz Ausdruck verschafft, den ebenfalls Fritz Stern, beiläufig, zum Besten gegeben hatte? - Was ist der Unterschied zwischen dem lieben Gott und den Historikern? Gott kann die Vergangenheit nicht ändern.

Neue Zürcher Zeitung, 24. Januar 2006