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Anson Rabinbach
Begriffe aus dem Kalten Krieg
Totalitarismus, Antifaschismus, Genozid

Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts
Vorträge und Kolloquien, Bd. 5
Wallstein Verlag Göttingen 2009

Rabinbach

Wenn Ideen Amok laufen
Beeindruckend: Anson Rabinbach über Totalitarismus, Antifaschismus und Genozid
 
Von Tim B. Müller
 
Eine ideengeschichtliche Sternstunde 1970, auf der New Yorker Upper West Side, 93. Straße: George Mosse, in der Emigration zu einem der bedeutendsten Historiker der Gegenwart geworden, traf den Vater eines seiner besten Studenten. "Boys was that good! Denn sie hatten wirklich etwas, worüber sie reden konnten", erinnert sich Anson Rabinbach. Sein Vater, "mit proletarischen Wurzeln", 1918 aus Polen nach Deutschland geflüchtet, ein Berufsrevolutionär, der nach der Ankunft in Amerika begann, den amerikanischen Traum zu träumen und trotzdem irgendwie Kommunist blieb, und der Kulturhistoriker aus einer der prominentesten liberalen jüdischen Familien der Weimarer Republik, verstanden sich. Mosse hatte sich die Begegnung seit langem gewünscht.
 
Anson Rabinbach, der Sohn des ausgewanderten Berufsrevolutionärs, Jahrgang 1945, war 1967 zu George Mosse gekommen, zum Studium in Madison, wo die neue Linke schon in den fünfziger Jahren den Ton angab - aus Wisconsin kamen die imperialismuskritischen Historiker und die frühesten neulinken Denker. Als SDS-Aktivist stand Rabinbach zwar auch in gewisser Weise in der Tradition seines Vaters, doch was sie alle nicht losließ, Rabinbach, seinen Vater und seinen Lehrer Mosse, war die deutsch-jüdische Kultur- und Ideengeschichte im Schatten des Holocaust. Wo Ideen Amok gelaufen waren, ließ sich nicht mehr auf der Ebene der Diplomatiegeschichte oder mit strukturellen ökonomischen Modellen argumentieren.
 
In diesem Komplex ereignete sich die Geburt der modernen "intellectual history", zu deren prominentesten Vertretern heute der Princeton-Professor Rabinbach zählt. Das hinreißende biographische Gespräch in diesen Band sammelt nicht Anekdoten. Es dringt hinab zu den Wurzeln einer großen ideengeschichtlichen Tradition, die in der Emigration aufblühte, aber hierzulande immer noch marginalisiert wird.
 
Wo sind die Historiker, die als "intellectual historians" in Rabinbachs Sinne akademische Stars geworden wären? Wie es geht, zeigen drei Skizzen zu ideenpolitischen Zentralbegriffen des vergangenen Jahrhunderts - Totalitarismus, Antifaschismus, Genozid. Sie verraten ein überaus subtiles Gespür für die Konjunkturen von Ideen, für die Hitze und das Erkalten von Begriffen, für ihre Funktionen in unterschiedlichen Zusammenhängen, für den Erwartungshorizont der Zeitgenossen.
 
Süddeutsche Zeitung, 3. November 2009