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Markus Roth
Herrenmenschen
Die deutschen Kreishauptleute im besetzten Polen -
Karrierewege, Herrschaftspraxis und Nachgeschichte

Beiträge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts, Bd. 9
Wallstein Verlag Göttingen 2009

Herrenmenschen

"Dafür hat man seine SS"
Sie fühlten sich königlich und ließen morden:
Eine Kollektivbiografie der Kreishauptleute im besetzten Polen

Von Thomas Sandkühler

Der Mann freute sich 1940 auf sein neues Dasein als "unumschränkter König in den vereinigten Königreichen Sochaczew u. Blonie". Zwei Jahre später beklagte einer seiner Amtskollegen Verzögerungen beim "Ausrotten" der Polen und Juden. Für das eigentliche Mordgeschäft habe man aber glücklicherweise, notierte dieser 1943, "seine SS. Da sind ja genug Leute, die in diesem Handwerk größere Übung haben. Siehe die Judenaktionen.« So dachten und schrieben Kreis- und Stadthauptleute, die während des Zweiten Weltkrieges die unterste Instanz deutscher Herrschaftsausübung im Generalgouvernement Polen darstellten. Nach dem Krieg klang das etwas anders. Man pflegte nach innen und außen die Lebenslüge der sogenannten Zivilverwaltung in Polen: Schuld war "die SS". Man selbst war sauber geblieben und hatte sogar Widerstand geleistet. Was konnte gegen die Tätigkeit der Kreishauptleute auch ernsthaft vorgebracht werden, wenn sie Landesminister, Staatssekretäre, Bundesrichter und sogar renommierte Journalisten hatten werden dürfen? Lästig war nur das Interesse mancher Staatsanwälte an der Kriegszeit. Dagegen halfen Seilschaften, Zeugenabsprachen, dreiste Lügen und notfalls die Einschaltung des Bundesnachrichtendienstes. Kein Kreishauptmann wurde in der Bundesrepublik verurteilt. Das sind die deprimierenden, bisweilen grotesken, immer aber lehrreichen Ergebnisse der Jenenser Dissertation von Markus Roth, die nun in Buchform vorliegt. Die Rolle der deutschen Zivilverwaltung in Polen, namentlich bei der Vernichtung der Juden, war bereits Gegenstand einer Reihe von Studien. Roths Verdienst besteht darin, diese Forschungsperspektive um weitere Politikfelder und den Blick auf die biografische Vor- und Nachgeschichte erweitert zu haben, die bislang nicht im Mittelpunkt des Interesses gestanden hatte. Vor allem aber liegt nun ein akribischer Überblick über die Karrieren aller rund 130 Kreishauptleute vor, die im Generalgouvernement eingesetzt waren. Entgegen den Gepflogenheiten im Deutschen Reich waren diese Herrenmenschen, wie Roth sie charakterisiert, kaum an Weisungen gebunden. Ihr oberster Dienstherr, der Generalgouverneur Hans Frank, schuf bewusst Anarchie, um die Zielsetzungen der deutschen Besatzungspolitik ohne rechtliche Selbstbeschränkungen durchzusetzen: die Ausbeutung der polnischen Bevölkerung, das Heranschaffen von Zwangsarbeitern, die Verdrängung und schließlich Ausrottung der jüdischen Minderheit. An diesen Maßnahmen waren die Kreis- und Stadthauptleute selten mit eigenen Schüssen, oft genug aber mit Initiativen beteiligt, die zu demselben Ergebnis führten. Sie konkurrierten untereinander um die jeweils radikalste Lösung - etwa bei der Terrorisierung polnischer Bauern, bei der Ghettoisierung der Juden -, die dann weiter oben aufgenommen und verallgemeinert werden konnte. Niemand musste so vorpreschen. Die Partizipation an Verbrechen, so Markus Roths Fazit, hing "nicht von Verordnungen, sondern in erster Linie von der persönlichen Entscheidung des Kreishauptmanns" ab. Aufschlussreich und für die Erklärung des Tathandelns ausschlaggebend ist das Rekrutierungsmuster und vor allem das Milieu, in dem sie agierten: Etwa zur Hälfte ohne jede Erfahrung in der öffentlichen Verwaltung, dafür aber früh in die NSDAP eingetreten, nicht selten kriminelle Glücksritter, von einer tiefen Verachtung der Polen und Juden durchdrungen, war der mehr oder weniger feudale Lebensstil der Kreishauptleute von Machthybris, Raub und Korruption, permanentem Terror, Enthemmung und Alkoholexzessen geprägt. Roths Darstellung ist besonders überzeugend bei der narrativen Präsentation von Einzelfällen, die bisweilen quer zum kollektivbiografischen Anspruch und zur Systematik des Buches stehen. Ob und unter welchen Gesichtspunkten die Einzelfälle verallgemeinert werden können, bleibt letztlich offen. Der Unterschied zwischen den radikalen Vorreitern einer mörderischen Besatzungspolitik und dem Rest der Gruppe sei allerdings, so Markus Roth, nur graduell gewesen: "Je mehr Quellen hinzukamen, desto düsterer wurde das Bild - ausnahmslos."

Die Zeit, 23. Juli 2009.

 

 

Siehe auch:

Hitlers Kreiskönige
Im besetzten Polen
Von Hans Jürgen Döscher
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. September 2009 >
 

Wie die Deutschen im polnischen Borów metzelten
Von Gerhard Gnauck
Die Welt, 29. August 2009
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