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Henry Rousso
Frankreich und die "dunklen Jahre"
Das Regime von Vichy in Geschichte und Gegenwart

Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts
Vorträge und Kolloquien, Bd. 8
Wallstein Verlag Göttingen 2010.

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Gedenkgebote im Namen der Nation
Ein Experte nicht nur für das Regime von Vichy und die Okkupation, sondern auch für französische Geschichtspolitik nach dem zweiten Weltkrieg: Aufsätze des französischen Zeithistorikers Henry Rousso über Frankreich und die "dunklen Jahre".

Von Helmut Mayer

"Ist nicht der Moment gekommen, den Vorhang fallen zu lassen, die Zeit zu vergessen, in der Franzosen einander nicht mochten, zerrissen, ja sich gegenseitig umbrachten?" Mit diesen Worten rechtfertigte Georges Pompidou 1972 die Begnadigung eines Milizenführers, der 1944 wegen seiner unter dem Vichy-Regime und den deutschen Besatzern begangenen Untaten in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war. Die Szene gegen Ende einer Pressekonferenz des französischen Staatspräsidenten wurde berühmt - freilich nicht, weil Pompidou mit seiner Beschwörung des ungeteilten Frankreich durchkam, sondern weil er damit spektakulär scheiterte.

Denn was Ende der sechziger Jahre europaweit eingesetzt hatte, die öffentlichkeitswirksame Anamnese der Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust, wurde seit den siebziger Jahren in Frankreich zur nachgeholten Auseinandersetzung mit den Jahren der Okkupation und der Rolle Vichys. Das von der Autorität de Gaulles getragene Bild der Republik als erstes Opfer Vichys wich zusehends der Erinnerung an ein tatsächlich zwischen Opfern und Tätern zerrissenes Frankreich, das nun juristisch - gestützt auf die Unverjährbarkeit von Verbrechen gegen die Menschheit -, historisch und politisch zum Gegenstand der Auseinandersetzung und des Gedenkens an die "dunklen Jahre" der nationalen Geschichte wurde.

Nationale Geschichtspolitik von de Gaulle bis Sarkozy

Der französische Historiker Henry Rousso hat diese Entwicklung nicht nur durch seine in den vergangenen dreißig Jahren erschienenen Arbeiten zum Vichy-Regime und zur Okkupation auf zeithistorischem Terrain entscheidend befördert. Er ist auch immer wieder der Frage nachgegangen, wie sich diese Wiederaneignung von Geschichte herausgebildet, welche öffentlichen Aufmerksamkeiten sie verändert, wie sie sich auf der politischen Bühne der Selbstdarstellung der Nation durchgesetzt hat und auf welche Weise sie dort inszeniert wurde und wird.

Sein jüngstes Buch, ein knapp gehaltener Überblick über "Frankreich unter deutscher Besatzung", ist als einziges auch auf Deutsch erschienen (F.A.Z. vom 20. Mai 2009). Doch nun kann man in einem exzellent komponierten Band einige der Texte nachlesen, in denen Rousso sich mit der Geschichtspolitik Frankreichs befasst. Von Pompidous rhetorischer Frage im Geiste de Gaulles führt der Weg zu Chiracs Anerkennung der französischen Mitschuld an den Judendeportationen aus Frankreich ein knappes Vierteljahrhundert später. Aber er endet dort nicht, sondern führt bei Rousso über die französische Tendenz zur gesetzlichen Fixierung bestimmter Gedenkgebote bis hin zu den - wenig glücklichen - erinnerungspolitischen Demarchen von Nicolas Sarkozy.

Nüchterner Blick auf die "exception francaise"

Der Nachdruck, mit dem die "lois mémorielles" das Gedenken in staatliche Verwaltung nehmen (wollen), kann als französische Besonderheit gelten, die sich aus dem jakobinisch-imperialen Zentralismus Frankreichs herschreibt. Und naturgemäß eher speziell sind auch die Wurzeln der Holocaust-Leugnung in Frankreich, die Rousso in einem Text vorstellt, der auf den Erkenntnissen einer von ihm geleiteten und vom damaligen Bildungsminister Jack Lang 2001 eingesetzten Kommission fußt. Dafür aber weiß er den viel weiter zurückreichenden Diskurs über die "exception française" auf dem Terrain des Vergangenheitsdiskurses behutsam, doch dafür umso überzeugender auseinanderzunehmen.

Der abschließende Rückblick auf den eigenen Weg als Historiker der dunklen Jahre mag zwar eher an die Kollegen vom Fach adressiert sein. Insgesamt aber hat man einen Band vor sich, der eigentlich jeden faszinieren muss, der sich auch nur ein wenig für die politische Kultur Frankreichs interessiert.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Februar 2011