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Irina Scherbakowa
Zerrissene Erinnerung
Der Umgang mit Stalinismus und Zweitem Weltkrieg im heutigen Russland

Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts
Vorträge und Kolloquien, Bd. 7
Wallstein Verlag Göttingen 2010

 

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Held und Monster, damals wie heute
Noch immer pflegt Russland einen zwiespältigen Umgang mit dem Stalinismus

Von Reinhard Meier 

"Womit lassen sich die Ergebnisse der Umfragen erklären, nach denen heutzutage 50 Prozent der Befragten Stalin für einen weisen Führer halten, der die UdSSR zu Macht und Blüte brachte", fragt Irina Scherbakowa in ihrer vielschichtigen Studie über Russlands Umgang mit der Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Die in Moskau lebende Autorin begnügt sich nicht mit plakativen Antworten. Sie kennt die Widersprüchlichkeiten und Schizophrenien um den Stalin-Mythos aus der Geschichte der eigenen Familie. Ihre Grosseltern und Eltern jüdischer Herkunft waren mindestens streckenweise überzeugte Stalin-Verehrer, obwohl sie gleichzeitig über den diabolischen Terror seiner Herrschaft angstvoll Bescheid wussten. Ein Gespräch mit der Autorin über biografische Zugänge zur Geschichte der sowjetischen Repression gehört zu den eindrucksvollsten Kapiteln des faktenreichen Buches. Dass der Stalin-Kult auch im postsowjetischen Russland weiterflackert, ist selbst für den distanzierten Beobachter nicht völlig unfassbar. Stalin mag ein ebenso monströser Diktator gewesen sein wie Hitler - aber er gehörte im Zweiten Weltkrieg zu den grossen Siegern. Und Sieger werden in den nationalen Geschichtsbildern meist nachsichtiger oder jedenfalls zwiespältiger dargestellt als totale Verlierer wie Hitler. Hinzu kommt allerdings - und davon ist Irina Scherbakowa, eine Mitarbeiterin der Menschenrechtsorganisation Memorial, tief enttäuscht -, dass in der Ära Putin die Tendenz zur Stalin-Verklärung wenigstens punktuell begünstigt wird. Allerdings sind auch hier die Realitäten widersprüchlicher als mitunter kolportiert. So hat unlängst die russische Duma in aller Form bestätigt, dass das Massaker von Katyn an 20 000 polnischen Offizieren im Sommer 1940 auf einen ausdrücklichen Befehl Stalins zurückgeht. Und eine gekürzte Fassung von Solschenizyns "Archipel Gulag" über das sowjetische Lagersystem ist inzwischen in russischen Schulen Pflichtlektüre geworden.

NZZ am Sonntag, 30. Januar 2011