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Günter Platzdasch

Als Zidane durchdrehte, waren die Zuschauer gerade durch den Spielverlauf abgelenkt

So geht es den Augenzeugen oft: Eine Potsdamer Debatte über die Rolle der Zeitgenossenschaft und des Dabeigewesenseins in der historischen Forschung

Neben Hitlers Telefonisten, den Ralph Giordano durch ein Vorwort als Zeitzeugen akkreditierte, verrieten 2008 auch SED-Putzkräfte im Fernsehfilm "Das Politbüro privat" endlich, wie es in braunen und roten Diktaturen zugeht. Als im Oktober eine Historikerkommission neue Opferzahlen des Dresden-Bombardements präsentierte sowie Darstellungen, Tiefflieger hätten Fliehende beschossen, als Legenden zurückwies, gab es einen Aufschrei der Zeitzeugen. Wem glaubt man?

ZDF-Intendant Karl Holzamer schrieb 1964 in der Buchveröffentlichung von Günter Gaus' Fernsehinterviews "Zur Person", dass "in der ruhelosen Zeit der Zuschauer am tiefsten gerührt und gepackt werden kann, wenn das Gesicht ,spricht'". Geschah dies bei Gaus noch in ausführlichen Gesprächen, genügen in Guido Knopps Geschichtsfernsehen Sekundenauftritte. Ein Gespräch auf dem Konstanzer Historikertag über den abwesenden "Herr K." fand in der dem Zeitzeugen-Phänomen gewidmeten Sektion statt, wo mancher missmutig den ganzen Namen nicht einmal aussprechen mochte. Klar war aber: Es ging nicht um Brechts Geschichten vom Herrn Keuner, diskutiert wurde über Knopp.

Geschichts- oder Geschichtenfernsehen? Aus jener Konstanzer Debatte entstand die Idee zu der Konferenz "Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945", die soeben in Jena stattfand, veranstaltet vom Jena Center Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts und dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.

Als 1978 die Theodor-Heuss-Akademie den KZ-Häftling Jean Améry mit Hitlers Baumeister Albert Speer zusammenbrachte, wurden diese als "Tatzeugen" und "Kronzeugen" vorgestellt. Inzwischen tummeln sich im Internet allerlei Zeitzeugen-Börsen. Martin Sabrow (Potsdam) markierte in Jena den Eichmann-Prozess als Wendepunkt. Noch im Nürnberger Tribunal und im Frankfurter Auschwitz-Prozess dominierten Tatzeugen. In Jerusalem gab es dann den Zeitzeugenaufmarsch mit dem von Hannah Arendt kritisierten "Bildermalen", etwa durch den nie in Ich-Rede aussagenden Schriftsteller mit dem Pseudonym K-Zetnik. Die Zeitzeugenkonjunktur habe mit dem Aufkommen neuer Medien, der auf demographische Veränderungen zurückgehenden Selbsthistorisierung der Gesellschaft und mit dem Stellungsverlust von Geschichtswissenschaft zu tun. Deutungskompetenz erlangten "Schnittstellenakteure" wie Ausstellungs- und Filmemacher mit ihren Zeugen. "Ein bekennender Nazi, ein überzeugter Kommunist taugen nicht als Zeitzeugen", erläuterte Sabrow, komme es doch auf die Mischung an: Aus der Vergangenheit die Erinnerung, aus der Gegenwart die Wertmaßstäbe. Von den SED-Politbürokraten wird nicht Egon Krenz ("fehlende Katharsisbereitschaft"), sondern Günter Schabowski eingeladen, der, zum Opfer seiner Irrtümer stilisiert, besser in eine opferzentrierte Geschichtskultur passe, die die Heldenverehrung ablöst. Der Zeitzeuge symbolisiere die Daueraufgabe Vergangenheitsbewältigung: In dem Geläuterten begegnet man einer konsumierbaren Vergangenheit, die gebannt, überwunden und unschädlich erscheint.

Gegen die affirmative Funktion heutiger Zeitzeugen wurde an kritische Anfänge erinnert. Zwar erwähnte niemand, dass Mitte der siebziger Jahre, herausgegeben vom Werkkreis Literatur der Arbeitswelt, im großen Fischer-Verlag das Taschenbuch "Der rote Großvater erzählt" erschien, aber Lutz Niethammer (Jena) verwies auf das Writers Project im New Deal, und Dietmar Süß (Jena) beschrieb das in England 1937 gestartete Projekt "Mass Observations". Gestützt auf Marx, Freud und Darwin, sollte weibliches Essverhalten ebenso wie proletarisches Motorradfahren erforscht werden; letzte Aktivisten landeten 1949 im Marketing. Sabrow äußerte sarkastisch sein Unbehagen an dieser Ausdehnung des Begriffs: "Die größte Zeitzeugenbewegung hat ja das Ministerium für Staatssicherheit ausgelöst." Heidemarie Uhl (Wien) schilderte, wie in Österreich Mitte der siebziger Jahre Kommunisten als antifaschistische "Zeitzeugen" Zutritt in Schulen erlangten. Weil der Widerstands-Heroismus jener Jahre verblasst, gebe es nun wieder eine "Gegenerzählung", in der postmodern-entideologisiert "die Gesellschaft als Täter/Opfer-Kollektiv imaginiert wird".

Auch Kritiker des Zeitzeugen-Fernsehens faszinierte ein Film, den Hanno Loewy (Hohenems) vorstellte: In der mit "No-smear Lipstick"-Werbung unterbrochenen Fernsehserie "This is Your Life" sitzt am 27. Mai 1953 die Auschwitz-Überlebende Hanna Bloch-Kohner - eine junge, attraktive Dunkelhaarige - unter den Zuschauern im Hollywood-Studio, hingelockt unter einem Vorwand. Sie wird als Star des Abends aufs Bühnensofa gebeten, und aus der Kulisse treten plötzlich der amerikanische Offizier, der sie aus dem KZ Mauthausen befreite, eine Jugendliebe, und dann auch noch ein verschollener Bruder.

"Während Historiker vom Tod des Zeitzeugen reden, macht er munter drauflos" - so provozierte Rainer Gries (Jena) mit Verweis auf das "Spiegel"-Portal "Eines Tages", in dem bereits Zehntausende, betreut von sechs Redakteuren, sich von denen, die sie bisher gängelten, emanzipieren. Cilly Kugelmann (Berlin) vom Jüdischen Museum empfand es als "Zumutung", dass Elie Wiesel "als letzter Zeitzeuge" in Paris die Zeitzeugenschaft ans Publikum weiterreichte. Als "neues Zeitzeugenmedium" entdeckte sie Trickfilme wie Art Spiegelbergs "Maus", Marjane Satrapis "Persepolis" oder Ari Folmans "Waltz with Bashir". Silke Satjukow (Jena) rügte am Tagungsende die Blickverengung auf den Westen und Demokratien. Als in der Bundesrepublik der Zeitzeuge auftrat, habe in der DDR, wo er als "Arbeiterveteran" herumgereicht wurde, sein Sterben begonnen. Was Mitveranstalter Norbert Frei (Jena) zu dem Kompliment hinriss: "Unwehlerisch gesprochen, so viel Interessantes in einem so kleinen Land!"

Moshe Zimmermann (Jerusalem) fragte, ob der Zeitzeuge 1945 eine "Fehlgeburt" war. In Israel gibt es "Witnesses in Uniform"-Soldatenreisen, und bei jungen Israelis, die nach Polen fahren, sei immer ein Zeuge dabei. Der erzähle dann etwa, dass die Polen alles Übel angerichtet hätten und die Deutschen zweitrangig dabei gewesen wären. Zimmermann nahm die deutsche Aufregung entspannt. Ihn beschäftigte der Kopfstoß Zidanes gegen Materazzi beim Fußball-Weltmeisterschaftsfinale Frankreich gegen Italien: "Ich saß in Berlin auf der Haupttribüne, aber habe's nicht gesehen. War ich Zeitzeuge oder nicht? Auf jeden Fall war ich traumatisiert."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. Dezember 2008, S. 33.