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Günter Platzdasch

Am Grabmal des Intellektuellen

Der SDS war kein "Studierenden"-Bund, und er existierte in einem oppositionellen Klima, zu dem auch sozialistische und liberale Hochschullehrer in den sechziger Jahren beitrugen: eine Bestandsaufnahme in Jena.

Das waren noch Zeiten, als ein Soziologieprofessor die Zierde der FDP war und ein "Spiegel"-Herausgeber für diese Partei in den Bundestag zog, mag mancher gedacht haben, als bei der Tagung "Intellektuelle in der BRD" von Ralf Dahrendorf und Rudolf Augstein die Rede war. Tilman Reitz, Soziologe im "Laboratorium Aufklärung", und der Historiker Thomas Kroll vom "Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts" hatten eingeladen, die sechziger und siebziger Jahre zu diskutieren - die Zeit also, bevor Jean-François Lyotard "Das Grabmal des Intellektuellen" errichtete.

Zeitzeugen trafen auf jüngere Forscher, die sich respektlos und unbefangen dem Thema näherten. Der Juniorprofessor Reitz, der die Frankfurter und Münsteraner Schule als "Kreise mit schwachen Meistern" vorstellte, ereilte fast das Schicksal von Bundestagspräsident Jenninger, der 1988 über Zeitgenossenworte stolperte. Reitz sprach von "Wiedergutmachungsprofessoren" und "Wiedergutmachungsrektorat" in Bezug auf Adorno und Horkheimer; die Bezeichnungen seien doch seinerzeit üblich gewesen. Gregor Kritidis (Hannover) folgte dem Weg "von der Kooperation zur Konfrontation" der Marburger und Hannoveraner Schule im Werdegang des linken Sozialdemokraten Peter von Oertzen: zwischen leiblichem Vater, dem Nationalrevolutionär Friedrich Wilhelm von Oertzen, und politisch-theoretischem Vater, dem Marxisten Wolfgang Abendroth. Kritidis entriss Abendroth linken Deutungen, die dessen SPD-Nähe ausblenden, und machte auf zwei Briefbände neugierig, in denen er Abendroths Bemühungen, den alten Horkheimer-Schüler Heinz Maus und den legendären Karl Korsch nach Marburg zu holen, dokumentieren wird.

Marxistische Gesellschaftsentwürfe sah Christoph Henning (Sankt Gallen) mit den RAF-Terroristen grandios gescheitert. Wolfgang Eßbach (Freiburg), der im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und in der Göttinger Studentenzeitschrift "politikon" engagiert war ("Wir haben damals Solschenizyn gebracht oder Bernard-Henry Lévy interviewt"), mochte den Marxismus nicht auf die RAF reduzieren und beschrieb vier Sozialismusströmungen, dabei der Legende widersprechend, erst 1968 sei frischer Wind in den "CDU-Staat" (so ein Buchtitel von 1967) geweht. Er deutet 1968 als Abschluss einer Reformphase, nicht als deren Beginn. Für Ingrid Gilcher-Holtey (Bielefeld) ermöglichte erst der Zerfall kommunistischer Ansätze eine unorthodoxe Renaissance der Linken.

Regina Dackweiler (Wiesbaden), die feministische Gesellschaftsentwürfe vorstellte, nannte das Intellektuellenengagement eine Männerveranstaltung, den Aufruf zum Kongress gegen die Notstandsgesetze ein "Gruppenbild mit Dame". Erst der Aufstand der Frauen im SDS leitete eine Wende im Rollenverständnis ein, der "Aktionsrat zur Befreiung der Frau" wurde noch in einer Wohngemeinschafts-Küche gegründet. Es ging nicht um die später diskutierte Alternative "Gleichheit oder Differenz", sondern darum, "Frauen mit Kindern Definitionsmacht zu geben".

Verändertes Rollenverständnis zeigte Kroll, als er beim Thema "Helmut Gollwitzer, Dorothee Sölle und der Linksprotestantismus" über evangelische Studentengemeinden damals sprach und sich historisch inkorrekt korrigierte: "Studierendengemeinden". Der Linksprotestantismus wurzele nicht in achtundsechzig, sondern in Barmer Erklärung, im Weltkirchenrat und der Romantisierung der Dritten Welt. Zitate von Sölle - der Glaube selbst fordere Teilnahme am revolutionären Prozess - oder Gollwitzer ("Gott will Sozialismus") sorgten für ungläubiges Staunen wie Botschaften aus einer anderen Zeit - im EKD-Archiv sei er erst der Zweite gewesen, der den Nachlass des 1993 verstorben Gollwitzer nutzte, berichtete Kroll.

Dietmar Süß (Jena) stellte die katholischen Intellektuellen im Deutungskampf um das II. Vatikanische Konzil in ihrem institutionellen Rahmen dar - von der Paulus-Gesellschaft über Bensberger Kreis und die von Eugen Kogon und Walter Dirks geleiteten "Frankfurter Hefte" bis zu "Publik".

Am Beispiel der Technokratie-Debatte interpretierte Patrick Wöhrle (Dresden/Erfurt) den Konservatismus-Verdacht als "Spielmarke". Die Rede von der "Schelsky-Gehlenschen-Technokratiethese" sei irreführend, wenn man sich die teilweise einander widersprechenden Positionen beider Soziologen genauer anschaue. Aber das angeklebte Etikett passte zum Verdacht, Nazi-Autoren wären auf die heruntergekühlte Ersatzprogrammatik einer Diktatur der Dinge eingeschwenkt. Interessanter als die Brandmarke ist der Subtext. Wöhrle entdeckt in Habermas' Unterscheidung zwischen Arbeit und Interaktion eine "alte Sehnsucht nach gemeinschaftlichem Nahkontakt" und auch in dessen Entfremdungs- und Konsumkritik konservative Topoi, etwa wenn dieser sich mit der Stillosigkeit des "sprichwörtlichen Kofferradios in der Badewanne" (Habermas) nicht anfreunden mochte.

Jens Hacke (Hamburg) erinnerte im Vortrag "Ralf Dahrendorf und die FDP" an das Scheitern eines Intellektuellen beim Wechsel in die Politik, eine Serie von Enttäuschungen, bei denen auch die "Flucht nach Europa", der Weggang nach Brüssel, nichts half. Auf Hackes Frage, warum die "eine Planstelle des liberalen Intellektuellen" unbesetzt sei, verblüffte Henning, ohne Widerspruch der anderen: Der leere Stuhl des liberalen Meisterdenkers sei doch längst besetzt - von Jürgen Habermas.

Dem Verlagswesen, einer unerforschten Institution intellektuellen Wirkens, widmete sich Olaf Blaschke (Trier), indem er den Wandel des konservativen Theologenverlags Vandenhoeck & Ruprecht zum Hausverlag der Bielefelder Historikerschule beschrieb. Was dann noch Tobias Freimüller (Jena) über das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut und Reinhard Mehring (Heidelberg) über Carl Schmitt als Diskurspartisan, der in "subversiver Gegenöffentlichkeit" eine "esoterische Bildungselite" stiftete, berichteten, soll mit den anderen Referaten veröffentlicht werden. Wegen eines Verlags berät man sich vielleicht mit Blaschke.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2011