Gesellschaftskrise und Krisenerfahrung

Eine Erfahrungsgeschichte der langen Transformation in Ostdeutschland (1970-2010)

Bearbeiterinnen
Dr. Carsta Langner, Dr. Franka Maubach

Förderung
Bundesministerium für Bildung und Forschung

Kurzbeschreibung
Wie erlebten die Ostdeutschen DDR, Mauerfall und Transformation? Wie hängen die Krisenerfahrungen vor und nach 1989/90 zusammen, und auf welche Weise prägen sie gegenwärtige Wertmuster und Weltsichten, Einstellungen und Handlungen? Gibt die erfahrungsgeschichtliche Langzeitperspektive Aufschluss über die Ursachen aktueller Elitenkritik und Krisenwahrnehmung im Osten Deutschlands? Und liefert sie Erklärungen dafür, warum und unter welchen Bedingungen legitime Demokratiekritik in Demokratieverachtung umschlagen kann?
Das Projekt ist Teil des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanzierten Forschungsverbunds „Diktaturerfahrung und Transformation. Biographische Verarbeitungen und gesellschaftliche Repräsentationen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren“, der Fragen nach individuellen Erfahrungen und ihrer gesellschaftlichen Repräsentation zäsurübergreifend in mehreren Forschungsvorhaben beantworten will.
Seit Anfang 2019 bearbeiten Dr. Carsta Langner und Dr. Franka Maubach das interdisziplinäre Teilprojekt „Gesellschaftskrise und Krisenerfahrung. Eine Erfahrungsgeschichte der langen Transformation in Ostdeutschland (1970-2010)“, dessen Ziel eine sowohl geschichts- als auch sozialwissenschaftlich perspektivierte Erfahrungs- und Einstellungsgeschichte der späten DDR und Ostdeutschlands ist. Mittels einer Sekundäranalyse verschiedener, bislang kaum systematisch ausgewerteter zeitgenössischer Quellengattungen – von Interviews über Daten der empirischen Sozialforschung bis hin zu Filmdokumentationen – soll die ostdeutsche Erfahrungslandschaft genauer als bislang kartografiert und die Geschichte des langen Umbruchs auf neue Weise erzählt werden.

Teilprojekt Dr. Carsta Langner
Migrationserfahrungen und ostdeutsche Transformation
Das Projekt nimmt gesellschaftliche Krisenphänomene und -erfahrungen in der späten DDR und der anschließenden Transformationsphase aus einer unterrepräsentierten Perspektive in den Blick: Erfahrungen von Migrantinnen und Migranten rücken in den Mittelpunkt der Darstellung. „Ausländische Werktätige“, Studierende oder politische Migranten und Migrantinnen haben seit den siebziger Jahren Erfahrungen gemacht, die vor der Folie der Entwicklungen der ostdeutschen Gesellschaft die ganze Bandbreite staatlicher Krisensymptomatik zeigen.
Vor allem nichtstaatliche Quellen – wie Eingaben, Samisdat-Zeitschriften, aber auch Fotos und Filmdokumentationen – zeugen von der Vielfalt dieser Erfahrungen. Von dieser Perspektive aus wird eine Gesellschaft erkennbar, die versuchte, Probleme über die Idee der „sozialistischen Menschengemeinschaft“ zu lösen. Sie traf dabei auf die Realität von Rassismus, ökonomischen Restriktionen und historischen Tradierungen im Umgang mit gesellschaftlicher Heterogenität, aber auch auf Versuche, das Leben mit Migranten und Migrantinnen nach eigenen und eigensinnigen Vorstellungen – abseits staatlicher Vorgaben – zu führen.

Teilprojekt Dr. Franka Maubach
Der große Umbruch. Zur Erfahrungsgeschichte der Transformation in Ostdeutschland (1970-2010)
Ziel der geplanten Studie ist es, Erfahrungen in der späten DDR und frühen Transformation, die in der Regel getrennt erinnert und repräsentiert werden, im Zusammenhang zu verstehen. Dabei ermöglicht die zäsurübergreifende Anlage, Kontinuitäten in den Blick zu bekommen, die möglicherweise längerfristig wirksam waren und zur Aufklärung spezifischer Einstellungsweisen in verschiedenen Milieus der ostdeutschen Gesellschaft beitragen.
Entgegen der gegenwärtigen Tendenz zur „ostalgischen“ Erinnerung werden vor allem Krisenwahrnehmungen im Spätsozialismus in den Blick genommen, die sich – je nach Milieu, Generation oder politischer Prägung – zwar unterschiedlich artikulierten, aber tendenziell alle Ebenen der Gesellschaft erfassten. Dienten diese Wahrnehmungsmuster, wie die Kritik an „Denen-da-oben“, auch in der Transformationskrise nach 1990 zur Einordnung von Krisenerfahrungen? Und wie ist zu erklären, dass zeitgenössische Erfahrung und spätere Erinnerung immer weiter auseinanderklafften?
Ausgangspunkt ist der Erwartungshorizont der seit 1971 proklamierten „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“, das Versprechen eines „Konsumsozialismus“, das seit 1976 mit dem Palast der Republik als gebauter Utopie für jeden DDR-Bürger zugänglich, aber in den folgenden Jahren sukzessive enttäuscht wurde. Die in den achtziger Jahren immer akuter werdende Frustration dokumentieren ganz unterschiedliche Quellengattungen: Millionen Eingaben zeugen von der „Versorgungskrise“, in Samizdat-Zeitschriften kritisierten Bürgerrechtler das politische System, alte Mythen vom „antifaschistischen Widerstandskampf“ und dem Fortschritt im Sozialismus bröckelten. Aber wie hängen punktuelle Versorgungskritik und allgemeine Systemkritik zusammen? Und wurde diese Art der Gesellschaftskritik nach dem Mauerfall aktualisiert? Ausgehend von Fragen wie diesen soll ein Panorama des großen Umbruchs entfaltet werden, das Erfahrungen vor und nach 1989/90 systematisch in Beziehung zueinander setzt.