Judenfeindschaft nach dem Holocaust

Antisemitismus und Rechtsradikalismus in Deutschland seit 1945

Bearbeiter
Dr. Maik Tändler, Christoph Renner, János Varga

Kurzbeschreibung
Das demokratische Selbstverständnis der Bundesrepublik beruht auf der fundamentalen Abkehr vom Nationalsozialismus. Nach dem Zivilisationsbruch des Holocaust wurde die konsequente Ächtung und Bekämpfung der mit dem „Dritten Reich“ keineswegs untergegangenen Judenfeindschaft zu einem „Prüfstein“ (John McCloy) ihrer inneren Demokratisierung. Umso erstaunlicher ist es, dass die zeitgeschichtliche Forschung bislang weder der Entwicklung des Antisemitismus noch des Rechtsradikalismus in der Bundesrepublik mehr als punktuelle Aufmerksamkeit geschenkt hat. Die drei Teilprojekte widmen sich diesem Forschungsdefizit aus politik-, diskurs-, alltags- und lokalgeschichtlicher Perspektive und fragen nach den langfristigen Konjunkturen des Antisemitismus sowie dem Wandel des politisch-gesellschaftlichen Umgangs mit ihm.

János Varga
Judenfeindschaft im Alltag. Eine Gesellschaftsgeschichte des Antisemitismus in der Bundesrepublik der fünfziger und sechziger Jahre
Das Promotionsvorhaben befasst sich mit der Entwicklung antisemitischer Einstellungen und Deutungsmuster, ihren alltäglichen Erscheinungsformen sowie den politisch-gesellschaftlichen Reaktionen hierauf in den ersten zweieinhalb Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Untersucht werden sowohl staatlich-administrative Reaktionsweisen auf judenfeindliche „Vorfälle“ als auch anti-antisemitische Initiativen aus der Gesellschaft. Der über die „Ära Adenauer“ hinausgreifende Untersuchungszeitraum erlaubt eine Fokussierung auf die Frage nach den Auswirkungen der seit Anfang der 1960er Jahre intensivierten Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit auf den Umgang mit dem Antisemitismus.

Christoph Renner
Auf dem rechten Auge blind? Der staatliche Umgang mit Rechtsradikalismus und Antisemitismus in der Bundesrepublik seit Ende der sechziger Jahre
Nicht erst seit der Enttarnung des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ 2011, sondern spätestens seit den rechtsterroristischen Anschlägen in der Bundesrepublik der frühen achtziger Jahre haben kritische Beobachter den staatlichen Behörden vorgeworfen, die von rechts ausgehende Gefahr zu unterschätzen oder gar zu ignorieren. Das Promotionsvorhaben nimmt diese Kritik zum Anlass, um nach dem Umgang der Exekutive mit einem Rechtsradikalismus und Antisemitismus zu fragen, der seit den siebziger Jahren eine in der Bundesrepublik zuvor unbekannte Gewaltbereitschaft an den Tag legte und im ersten Jahrzehnt nach der deutschen Einheit in eine beispiellose Welle der Gewalt mündete.

Dr. Maik Tändler
„Vergangenheitsbewältigung“, Antisemitismus und intellektuelle Rechte in der Bundesrepublik seit den fünfziger Jahren
Jenseits der zumindest in der Öffentlichkeit tabuisierten offenen Judenfeindschaft konnte sich in der Bundesrepublik von rechts sehr früh ein „sekundärer“ Antisemitismus etablieren, der vor allem auf die Relativierung des Holocaust zielte und die fortgesetzte „Vergangenheitsbewältigung“ als „Schuldkomplex“ pathologisierte oder auf eine angebliche moralische Erpressung durch „jüdische Mächte“ zurückführte. Untersucht werden die Diskursstrategien der betreffenden Akteure vornehmlich aus dem rechtsintellektuellen Spektrum sowie die historischen Konjunkturen ihrer Rezeption und allgemeinen politischen Anschlussfähigkeit. Dadurch sollen nicht zuletzt Einsichten in die Aushandlung und Verschiebung von Sagbarkeitsgrenzen in der post-nationalsozialistischen Demokratie gewonnen werden.